Kenia

Humanitäre Krise im Flüchtlingslager Dadaab - Ärzte ohne Grenzen behandelt schwere Mangelernährung und verteilt Wasser

Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen haben unter den neu ankommenden Flüchtlingen im Lager Dadaab in Kenia eine alarmierend hohe Rate schwerer Mangelernährung festgestellt. Die Organisation weitet deshalb ihr Ernährungsprogramm aus. "Ich habe eine schwierige Situation erwartet, aber nicht eine so katastrophale", erklärt Anita Sackl, die für Ärzte ohne Grenzen die Ernährungssituation von Kindern systematisch untersucht hat. "Die meisten Neuankömmlinge sind aus Somalia geflohen, weil sie einfach nichts zu essen hatten, nicht nur wegen des Bürgerkriegs."

Die Mitarbeiter behandeln im Moment ambulant mehr als 1.600 Kinder mit schwerer akuter Mangelernährung. Zudem werden mehr als 700 Kinder jede Woche neu in ein Programm aufgenommen, in dem sie Zusatznahrung erhalten. Die meisten kommen aus den Außenbereichen des mit mehr als 370.000 Menschen überfüllten Lagers, in denen sich die Neuankömmlinge niederlassen.

Einige Kinder sind so schwer mangelernährt oder krank, dass akute Lebensgefahr besteht. Sie brauchen deshalb eine stationäre Intensiv-Behandlung, bei der sie eine spezielle therapeutische Nahrung bekommen, geimpft und entwurmt werden sowie notwendige Behandlungen erhalten. In der vergangenen Woche haben die Teams 107 Kinder neu in das Intensiv-Ernährungsprogramm im Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen aufgenommen. Da die Klinik bereits überbelegt ist, wurde ein zusätzlicher Bereich mit 60 Betten eingerichtet.

Flüchtlinge müssen 40 Tage auf Hilfe warten

Die extreme Hitze, Wassermangel sowie Verzögerungen bei der Registrierung der Flüchtlinge und der Verteilung der Lebensmittelrationen haben die Situation für neu ankommende Flüchtlinge deutlich verschärft. Bei einer dreitägigen Untersuchung Mitte Juni haben Mitarbeiter etwa 500 Kinder bis fünf Jahre gewogen und untersucht. 38 Prozent der Kinder waren akut mangelernährt, davon 17,5 Prozent so schwer, dass Lebensgefahr bestand. Selbst ältere Kinder zwischen fünf und zehn Jahren waren überdurchschnittlich oft mangelernährt. Ärzte ohne Grenzen weitet seine Programme deshalb auf diese Altersgruppe aus. "Der Anteil der schwer mangelernährten Kinder ist sehr hoch. Wir sind äußerst besorgt", sagt Monica Rull, die Leiterin der Projekte in Kenia und Somalia.

Als problematisch sieht Ärzte ohne Grenzen die Verzögerungen bei der Verteilung von Lebensmitteln für Neuankömmlinge. Die Flüchtlinge müssen 40 Tage warten, bevor sie vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen offiziell registriert werden und einen Ausweis erhalten, mit dem sie Lebensmittelhilfen erhalten können. Vor Ablauf dieser 40 Tage erhielten sie nur einmal eine Lebensmittelration für zwei Tage sowie einen Fünf-Liter-Wasserkanister.

"Dieser Zustand war völlig inakzeptabel", erklärt Rull. Mittlerweile hat es aber Verbesserungen gegeben. "Seit Anfang Juli erhalten die Flüchtlinge zumindest Lebensmittel für 15 Tage. Das reicht aber immer noch nicht aus. Das Welternährungsprogramm muss regelmäßigere Lebensmittelverteilungen sicherstellen. Außerdem muss die Ernährungssituation der Kinder in allen drei Lagern in Dadaab systematisch erfasst werden. Kinder bis zehn Jahre sollten integriert und die Ernährungsprogramme gegebenenfalls ausgeweitet werden", sagt Rull.

Ärzte ohne Grenzen fordert auch eine Beschleunigung des Registrierungsprozesses. Im Moment gibt es nur ein Registrierungszentrum für den gesamten Dadaab-Komplex.

Drei Liter Wasser pro Tag

In den Außenbereichen, in denen sich die Flüchtlinge behelfsmäßig aus Ästen und Planen Unterkünfte bauen, erhalten einige Flüchtlinge nicht einmal drei Liter Wasser pro Tag. Das deckt gerade einmal den Bedarf an Trinkwasser bei der Hitze in der Region, aber es ist zu wenig zum Waschen oder für einfachste Körperhygiene. Die Wasserversorgung muss deshalb ebenfalls aufgestockt werden. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen haben begonnen, per Lastwagen mehr als 100 Tonnen Wasser pro Tag ins Lager zu bringen und zu verteilen.

Ärzte ohne Grenzen betont erneut die Notwendigkeit, dass alle Organisationen, die in Dadaab arbeiten, ihre Programme ausweiten, damit die Flüchtlinge die nötige Hilfe erhalten. Dazu gehören sowohl die Nothilfe in den Außenbereichen des Lagers als auch akzeptable Lösungen zur Entflechtung des Lagers.

Tag für Tag kommen neue Flüchtlinge aus Somalia in dem überfüllten Lager an. Sie fliehen vor dem bewaffneten Konflikt in ihrem Land, aber auch vor der Dürre in der Region nach zwei ausgefallenen Regenzeiten. Bei der Ankunft sind die meisten nach Tagen oder Wochen auf der Flucht völlig erschöpft und erhalten dann zunächst nur ungenügende Hilfe.

Jeden Tag 500 neue Flüchtlinge

Dadaab ist das größte Flüchtlingslager der Welt. Es besteht aus den Camps Ifo, Hagadera und Dagahaley, die allesamt überfüllt sind. Neuankömmlinge müssen sich deshalb notdürftig in den Außenbereichen der Lager ansiedeln. Ärzte ohne Grenzen hat mehrfach eine Entflechtung des Lagers gefordert, aber keine Antwort erhalten. Mittlerweile sind fast 400.000 Flüchtlinge im Lager, das aber nur auf 90.000 ausgelegt ist.

Ärzte ohne Grenzen versorgt die 130.000 Bewohner des Lagers Dagahaley medizinisch. Die Zahl der Neuankömmlinge steigt jeden Monat weiter an, durchschnittlich kommen 500 Flüchtlinge am Tag. Etwa 25.000 Menschen leben mittlerweile außerhalb des Lagergeländes. Es wird erwartet, dass diese Zahl weiter anwächst. Seit einiger Zeit versorgt Ärzte ohne Grenzen auch die Neuankömmlinge in den Außenbereichen des Ifo-Lagers.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1992 in Kenia tätig und arbeitet seit mittlerweile 14 Jahren im Lager Dadaab. Seit 2009 ist die Organisation die einzige, die im Lager Dagahaley medizinische Hilfe leistet. Ärzte ohne Grenzen betreibt dort ein Krankenhaus mit 170 Betten und fünf Gesundheitsposten für die 113.000 Bewohner des Lagers.

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