Vier Menschen. Vier Geschichten. Ein Kampf.

Nandita Venkatesan, Charles Sako, Din Savron und Tobeka Daki - weil Pharmaunternehmen Profite über Menschenleben stellen, mussten sie mit dem Tod kämpfen, eine der Vier hat diesen Kampf verloren.  

Patente umgeben ein Medikament wie eine Mauer. Durch ihre Monopolstellung, als Besitzer von Patenten, sind Pharmaunternehmen in der Lage, die Preise für Medikamente weitgehend frei zu bestimmen. Und andere werden daran gehindert, sie günstiger herzustellen. Das hat eine enorme Auswirkung auf das Leben vieler Menschen. 

Von den tragischen Konsequenzen, erzählen diese vier - aber auch, wie sehr es sich lohnt, für einen gerechten Zugang zu Medikamenten zu kämpfen! 

Nandita Venkatesan / Indien 

Nandita Venkatesan bei ihrer Rede vor den Vereinten Nationen.

Nandita Venkatesan leidet an resistenter Tuberkulose. Bedaquilin, ein neueres und wirksameres Medikament konnte sie sich nicht leisten und nahm deshalb eine günstigere Alternative mit schweren Nebenwirkungen: sie verlor ihr Gehör. 

Johnson & Johnson, der Konzern, der das Patent auf das nebenwirkungsärmere Bedaquilin hält, weigerte sich, den Preis zu senken. Was Nandita erlebt hat, veranlasste sie dazu, aktiv zu werden: Sie setzt sich seither dafür ein, dass andere Menschen, die mit Tuberkulose leben, nicht vor die Wahl gestellt werden, zu der sie gezwungen war: "Taub oder tot." 

Johnson & Johnson blockiert weiterhin die Produktion von generischen Versionen, die günstiger wären. Dies wird voraussichtlich erst möglich sein, wenn das Patent ausläuft - in Indien im Jahr 2027.

Charles Sako / Kenia  

Charles Sako ist 41 Jahre alt und lebt mit seiner Partnerin und seiner dreijährigen Tochter in Kibera, einem Armenviertel der kenianischen Hauptstadt Nairobi.

Als Charles erfuhr, dass er HIV-positiv ist, dachte er, es sei sein Todesurteil. Denn auch die antiretrovirale Behandlung (ART) war in den frühen Tagen der HIV-Pandemie für die Menschen in den Ländern des Globalen Südens unbezahlbar: anfangs musste man mit 10.000 US-Dollar pro Patient*in und Jahr rechnen. 

Mobilisiert durch diese Ungerechtigkeit entstand Anfang der 2000er eine weltweite Bewegung, die sich für einen gerechteren und bezahlbaren Zugang einsetzte … mit Erfolg! Charles war Teil dieses Kampfes. Die Aktivist*innen wehrten sich gegen unfaire Patente, unter anderem auch indem sie vor Gericht zogen. Das Ergebnis: die Produktion von Generika wurde möglich und der Preis für die Behandlung sank drastisch. Heute liegt er bei unter 70 US-Dollar pro Person und Jahr.  

Sechsundzwanzig Millionen Menschen leben heute dank der Arbeit dieser Gesundheitsaktivist*innen ein normales Leben mit HIV. Auch Charles lebt mit dem Virus; zur antiretroviralen Behandlung kommt er in unsere Klinik in Kibera. 

Din Savron / Kambodscha 

Din Savorn, 50, mit seinem Sohn während der Mittagspause in ihrer Wohnung in Phnom Penh, Kambodscha, 20, April 2017.

Din Savorn wurde 1999 mit Hepatitis C diagnostiziert. Als der Pharmakonzern Gilead Sciences schließlich ein Heilmittel auf den Markt brachte, wurde dieses in den USA zu einem Preis von 1.000 US-Dollar pro Tablette verkauft. In anderen Ländern war der Preis zwar niedriger, jedoch auch in diesem Fall: immer noch zu hoch, für die meisten Menschen, die mit dem Virus leben.  

Din hätte sein Haus verkaufen und mit dem Erlös die Behandlung finanzieren können - er entschied sich aber gegen die Obdachlosigkeit für sich und seine Familie. Er hoffte, dass er die Arznei über das öffentliche Gesundheitssystem bekommen würde. Dies ist bislang nicht der Fall, aber Din hatte Glück: Er wurde schließlich von uns kostenlos mit den neuen Medikamenten behandelt.  

Mittlerweile gibt es auf dem Gebiet etwas Wettbewerb und einige Länder, wie Malaysia, haben Zwangslizenzen auf das Medikament erlassen, was die Preise sinken lässt. In vielen Ländern bestehen aber nach wie vor Patentschranken, die große Hürden für einen gerechten Zugang darstellen. 

Tobeka Daki / Südafrika 

Tobeka Daki lebte in Südafrika. © MSF

Bei Tobeka Daki wurde 2013 Brustkrebs diagnostiziert. Für die Behandlung benötigte sie ein Medikament des Pharmaunternehmens Roche, aber auch sie konnte sich dieses nicht leisten. Und auch in diesem Fall blockierten Patente die Produktion bezahlbarer Alternativen in Südafrika.  

Auch Tobeka nahm dies nicht einfach hin und kämpfte lange und hart mit dem Konzern. Sie hatte jedoch nicht genug Zeit: sie starb 2016 an Brustkrebs. 

Ihr Tod und der vieler anderer Frauen, die sich die notwendige Behandlung nicht leisten konnten, erzeugte einen öffentlichen Aufschrei. Die Regierung Südafrikas reagierte schließlich und machte das Produkt im öffentlichen Gesundheitswesen verfügbar. Und 2019 kam schließlich ein Konkurrenzprodukt zu einem deutlich niedrigeren Preis auf den Markt. 

Tobekas Tod wäre vermeidbar gewesen, wie so viele andere weltweit. Und auch jetzt in der Covid-19-Pandemie stehen wir erneut vor der Wahl.  

Regierungen des Globalen Nordens sollten deshalb ihre Blockadehaltung lösen und sich in dieser Krise für Menschlichkeit und Solidarität entscheiden: Alle Länder sollten den bei der Welthandelsorganisation (WTO) eingereichten Vorschlag akzeptieren, Patente auf Medikamente und andere Technologien, die zur Bekämpfung des Coronavirus dienen, zumindest für die Dauer der Pandemie aufzuheben!

Für eine Eindämmung der Pandemie braucht es einen fairen Zugang zu Behandlungen und Impfstoffen gegen das Virus für alle überall. Die Regierungen müssen ihre Versprechen halten!

Das Menschenrecht auf Gesundheit gilt schließlich nicht nur im Norden sondern weltweit.