Zentralafrikanische Republik

Ständig in Bewegung, ständig in Angst – über Humanitäre Hilfe in einem vergessenen Land

Schaut man auf die verzweifelte Situation im Land seit Ausbruch des Bürgerkrieges 2013 – die Zeit in der Zentralafrikanischen Republik scheint still zu stehen. Auf den Krieg folgte ein Zustand der Gesetzlosigkeit, der zu Kriminalität und Gewalt führte. Nichts geht voran, niemand kommt zur Ruhe. Doch die Menschen in diesem Land sind ständig in Bewegung. Sie laufen kilometerweit für Lebensmittel, sie laufen, um für sich und ihre Familien medizinische Versorgung zu erhalten und sie laufen, um den immer wieder aufflammenden Kämpfen und der Gewalt zu entkommen. Mehr als eine Million der gerade einmal 4,6 Millionen Einwohner*innen sind innerhalb und außerhalb des Landes auf der Flucht.

Auch Beatrice (20) muss laufen. Ihren drei Kilometer weiten Weg zur Gesundheitsstation von Ärzte ohne Grenzen in Boguila, im Norden der Zentralafrikanischen Republik, hat sie trotz der Gefahren sicher zurückgelegt. Seit der Unterzeichnung eines Friedensabkommens im Februar 2019 scheint sich die Lage im Land etwas verbessert zu haben. Doch die Ruhe ist trügerisch, Sicherheit nicht planbar. Erst vor wenigen Wochen kamen bei einem Angriff auf ein Dorf, etwa 100 Kilometer westlich von Boguila, mehr als 40 Zivilist*innen ums Leben. Für Beatrice ist unsere Gesundheitseinrichtung die einzige Anlaufstation, wenn eines ihrer Kinder erkrankt. Diesmal braucht ihre jüngste Tochter Ketira (10 Monate) Hilfe.

In Boguila behandeln die Teams von Ärzte ohne Grenzen Malaria und Mangelernährung, sie organisieren Impfungen und leisten Geburtshilfe. Humanitäre Hilfe ist lebensnotwendig. Ärzte ohne Grenzen ist der größte Anbieter von Gesundheitsleistungen in der Zentralafrikanischen Republik noch vor dem Gesundheitsministerium. Allein 2018 haben unsere Teams mehr als 800.000 medizinische Untersuchungen und Behandlungen vorgenommen.

Doch in vielen Regionen ist es auch für die humanitären Hilfsorganisationen gefährlich. Der letzte tödliche Zwischenfall ereignete sich im April 2019. Einer unserer Kollegen wurde bei einem Überfall auf dem Heimweg, nur etwa 100 Kilometer von Boguila entfernt, getötet.

Die Patient*innenaufnahme, eine schlichte Holzbank unter einem Mangobaum

Der Besuch im Gesundheitszentrum dauert für Beatrice und Ketira beinahe einen ganzen Tag. Bestimmt zwanzig bis dreißig weitere Mütter sind mit ihren Kindern gekommen. Manchmal sind es auch nur die wenig älteren Geschwister, die ihren kranken Bruder oder ihre kranke Schwester hierhergetragen haben. Bereits um sechs Uhr morgens füllt sich die Patient*innenaufnahme. Auf einer einfachen Holzbank im Schatten eines Mangobaums warten Beatrice und Ketira darauf, dass ihr Lauf durch die verschiedenen Stationen beginnt.

Für die Kleinen sind die vielen Behandlungsschritte an einem Tag sehr anstrengend. Erst kommt der Test auf Mangelernährung, bei dem Ketira in eine Waage gehängt wird. Mit dem sogenannten MUAC-Band – einem skalierten Maßband, das um den Oberarm gelegt wird – wird ihr Gewicht gemessen. Dann folgt die Untersuchung auf Malaria. Mit einem Stich in den Finger wird Ketira etwas Blut abgenommen und mittels eines Schnelltests analysiert. Beide Ergebnisse sind positiv.

Zwischen allen Stationen heißt es: geduldig warten. Es folgt die internistische Untersuchung auf organische Probleme, ehe die Mütter mit ihren jeweiligen Rezepten zur nahe gelegenen Apotheke laufen. Hier wartet auf Ketira die größte Herausforderung des Tages: die erste Verabreichung von Medizin und Brei. Damit die Medikamente ihre Wirkung entfalten können, ist es wichtig, dass die Kinder sie in der Menge zu sich nehmen, die die Ärzt*innen zuvor verordnet haben. Doch Ketira zeigt deutlich, dass das, was gesund ist, nicht unbedingt schmeckt. Nach der Einnahme sind sowohl Mutter als auch Kind sichtlich erschöpft. Die Vergabe vor Ort ist jedoch wichtig. Sie soll den Müttern helfen, die Medizin auch später angemessen verabreichen zu können. Dann, wenn sie den gefährlichen Heimweg überstanden haben und auf sich allein gestellt sind.

Gewalt, Angst, Resignation – ein traumatischer Kreislauf

So wie Beatrice sich darin gefügt hat, für Sicherheit und medizinische Hilfe weite, unsichere Wege auf sich zu nehmen, fügen sich die Kinder den Umständen, in denen sie aufwachsen. „Was mich bei meinen Einsätzen in der Zentralafrikanischen Republik immer wieder betroffen macht, ist die enorme Leidensstoik, die die Kinder hier entwickelt haben“, erzählt Amadeus von der Oelsnitz. Er ist Krankenpfleger und leitete in Boguila sogenannte Outreach-Teams, die versuchen, Basisgesundheitsversorgung auch in entferntere Gebiete zu bringen. „Viele sind eindeutig traumatisiert von der andauernden Gewalt, in der die Welt sie hier vergessen hat“, so von der Oelsnitz. 

Vielerorts in der Zentralafrikanischen Republik leben die Menschen seit Jahren in konstanter Angst vor Misshandlungen wie Schlägen, Erpressung, Vergewaltigung und Tötung. Mehr als 575.000 Menschen hat diese Angst, laut den Vereinten Nationen (UN-OCHA), schon in eines der Nachbarländer – Kamerun, Tschad, Republik Kongo und Demokratische Republik Kongo – getrieben. Knapp 650.000 Menschen leben als Binnenvertriebene im eigenen Land. Fragt man von der Oelsnitz, der bereits vier Einsätze in der Zentralafrikanischen Republik absolviert hat, was er sich für die Menschen wünscht, antwortet er: „Frieden. Einen echten, anhaltenden Frieden!“ Ob das Abkommen vom Februar 2019 oder das bisherige Engagement der Weltgemeinschaft dafür ausreichen, ist fraglich.

Ärzte ohne Grenzen betreibt derzeit zwölf Projekte in der Zentralafrikanischen Republik. Die medizinische Hilfe, die die Teams vor Ort anbieten, umfasst unter anderem die Versorgung von Müttern und Kindern, Unfall- und Kriegschirurgie, die Behandlung von Menschen mit HIV und TB sowie die Reaktion auf Krankheitsausbrüche und Epidemien. Aktuell arbeiten rund 3.000 Mitarbeiter*innen für Ärzte ohne Grenzen in der Zentralafrikanischen Republik. Im Jahr 2018 haben die Teams mehr als 800.000 medizinische Untersuchungen und Behandlungen ambulant und stationär vorgenommen sowie rund 4.000 infolge von Gewalt Verletzte und 4.000 Überlebende sexueller Gewalt behandelt.