Zentralafrikanische Republik

„Gibt es noch einen Rest Würde für mich, bin ich noch ein Mensch?“ – Hilfe für Opfer sexueller Gewalt

Zentralafrikanische Republik: Das Programm für Opfer sexueller Gewalt am General Hospital der Hauptstadt Bangui bietet Missbrauchsopfern eine umfassende Behandlung an.

„Mein Leben macht keinen Sinn mehr“ sagt Sophie*, die wie Hunderte zentralafrikanische Opfer sexueller Gewalt schreckliche Erlebnisse hinter sich hat. Für sie ist die medizinische und psychologische Betreuung – ebenso wie die Unterstützung von Freunden und Familie – lebenswichtig und entscheidend dafür, dass sie wieder Hoffnung schöpfen kann, ihr Trauma eines Tages zu bewältigen. Das Programm am General Hospital der Hauptstadt Bangui sowie die Anlaufstelle für Opfer sexueller Gewalt, die Ärzte ohne Grenzen im Castor-Gesundheitszentrum eingerichtet hat, sind die einzigen Einrichtungen in der Zentralafrikanischen Republik, in denen Missbrauchsopfer eine umfassende Behandlung erhalten. Die Psychologin Hélène Thomas half beim Aufbau des Programms im General Hospital und berichtet von ihren Begegnungen mit Menschen wie Sophie. Psychologin Hélène Thomas

„Die Geschichte, die mich am meisten berührt hat, ist die von Sophie. Als sie ins General Hospital kam, war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie war erst 37 Jahre alt, aber sah eher aus wie 50. Sie litt an Geschwüren an den Füßen und Malaria, war mangelernährt, traumatisiert, verwirrt und desorientiert. Außerdem litt sie am Kaposi Sarkom, einer Krankheit, die sich in Hautläsionen manifestiert. Was sie uns berichtete, war unglaublich schockierend: „Ich weiß nicht, ob ich noch am Leben bin oder schon tot“, sagte sie. „Mein Leben ist bedeutungslos. Gibt es noch einen Rest Würde für mich, bin ich noch ein Mensch?“

Sophie fuhr gerade mit dem Bus zum Markt in Bougila, im Nordwesten des Landes, als dieser von einer Gruppe bewaffneter Männer angehalten wurde. Die Männer trennten die männlichen und weiblichen Fahrgäste voneinander, die Frauen nahmen sie mit in den Busch. Zwei Wochen lang wurden sie immer wieder vergewaltigt, unter Drogen gesetzt und gezwungen, barfuß und ohne ausreichend Nahrung lange Strecken zu Fuß zurückzulegen. Als einige der Männer eines Tages weggingen, um ein Dorf zu überfallen, gelang es den Frauen zu entkommen.

Sophie war völlig gebrochen. Wie viel Mut sie und die anderen entführten Frauen bewiesen hatten, um zu fliehen.  Aber das war ihr genauso wenig bewusst wie die Tatsache, dass sie allein im Busch enden oder von anderen bewaffneten Gruppen angegriffen hätten werden können. Die Frauen waren von Dorfbewohnern aufgegriffen und mit erster Hilfe versorgt worden, dann gingen sie nach Hause. Doch damit war Sophies Leid noch lange nicht vorüber.

„Mein Leben hat keinen Sinn mehr“

Als Sophie nach Hause zurückkehrte, wies ihr Mann sie zurück und erlaubte ihr nicht einmal, ihren 9-jährigen Sohn zu sehen. Ihr Bruder hatte im Radio von dem Programm für Opfer sexueller Gewalt gehört, das Ärzte ohne Grenzen am General Hospital in Bangui eröffnet hatte, und riet ihr, dort Hilfe zu suchen.

Zu Beginn ging es uns vor allem darum, Sophie Sicherheit zu geben und sie zu beruhigen. Da sie nicht sehr gut französisch spricht, führten wir unsere Gespräche mit ihr auf Songo, einer lokalen Sprache. Wir mussten sie sogar stationär aufnehmen, da sie sehr krank und geschwächt war. Das kommt eher selten vor. Traurigerweise ergaben unsere medizinischen Untersuchungen, dass sie auch noch mit HIV infiziert worden war. All das lastete so schwer auf ihr, dass sie sich das Leben nehmen wollte. Doch dank der medizinischen Behandlung, psychologischer Unterstützung und dem Austausch mit den Angehörigen anderer Patienten ging es ihr glücklicherweise nach und nach besser. Sie blieb ungefähr einen Monat in unserem Programm, bis sie sich stark genug fühlte, in ihr Dorf zurückzukehren.

Juli bis November 2014: 485 Opfer sexueller Gewalt behandelt

In der Zentralafrikanischen Republik herrscht absolutes Chaos. Was Sophie passiert ist, ist bei Weitem kein Einzelfall: zwischen Juli und November 2014 haben wir allein im General Hospital 274 Opfer sexueller Gewalt behandelt, darunter auch sieben männliche Missbrauchsopfer. Bei 24 von ihnen handelte es sich um Kinder, die Hälfte nicht einmal acht Jahre alt.

Ich erinnere mich an eine 90-jährige Frau, die wir ambulant zu Hause behandeln mussten, da sie verletzt war und nicht ins Krankenhaus kommen konnte. Oder an ein kleines dreijähriges Mädchen, das unter Schock stand. Wir haben entsetzliches Leid gesehen.

Als wir das Programm für Opfer sexueller Gewalt eröffnet haben, haben wir mit einer öffentlichen Kampagne auf unsere Aktivitäten und Angebote aufmerksam gemacht. Die meisten Missbrauchsopfer kommen, weil sie selbst oder jemand, den sie kennen, dank der Kampagne von unserem Programm gehört haben, oder sie werden von anderen Gesundheitseinrichtungen an uns überwiesen. Auch die Polizei in Bangui, hier vor allem die Brigade zum Schutz Minderjähriger, die für Fälle sexueller Gewalt zuständig ist, hat inzwischen begonnen, Missbrauchsopfer an uns zu überweisen.

* Name geändert.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1997 in der Zentralafrikanischen Republik tätig. Angesichts der akuten Notlage hat die Organisation den Umfang der medizinischen Hilfe im Land seit dem Jahr 2013 verdoppelt.