ZENTRALAFRIKANISCHE REPUBLIK

Regelmäßige Angriffe auf medizinische Einrichtungen, Patienten und Helfer machen humanitäre Hilfe oft unmöglich

Beispiel Bria: Bei Kämpfen wurden im vergangenen Jahr viele Gegenden der Stadt zerstört. Von den 47.000 Einwohnern wurden dadurch 41.000 vertrieben.

Die Gewaltspirale in der Zentralafrikanischen Republik im vergangenen Jahr erinnert an die dunkelsten Momente des Bürgerkrieges im Jahr 2014. Jeder fünfte Einwohner des Landes musste aufgrund der Gewalt sein Zuhause verlassen. Auch der Ausblick für 2018 ist nicht ermutigend, denn das Jahr begann mit einem erneuten Gewaltausbruch im Nordwesten des Landes. Das Gesundheitssystem ist nahezu inexistent. Hinzu kommt, dass Patienten, medizinische Einrichtungen und Krankenwagen immer wieder angegriffen werden. Nicht nur für die Bevölkerung ist dies ein täglicher Kampf ums Überleben. Auch für humanitäre Helfer war die Zentralafrikanische Republik im vergangenen Jahr eines der gefährlichsten Länder der Welt.

 „Die erste Kugel traf ein 13-jähriges Mädchen“, sagt Christelle. „Ich fiel auf den Boden, sie schossen weiter. Eine Kugel traf mich am Knöchel, eine andere traf ein zwei- oder dreijähriges Kind. Der Junge starb sofort.“ Christelle (24) erholt sich immer noch von dem plötzlichen Angriff bewaffneter Männer auf das Krankenhaus in Batangafo, im Norden der Zentralafrikanischen Republik, am 8. September 2017.

Christelle ist einer von 16.000 Menschen, die seit Ende Juli im Krankenhaus in Batangafo Zuflucht gesucht haben, als sich die Kämpfe in der Gegend intensivierten. Viele Familien mussten mitansehen, wie ihre Häuser niedergebrannt und ihre Nachbarn ermordet wurden.

Wendepunkt Zemio: Alle, die konnten, flohen aus der Stadt

„Ich habe versucht, einer Familie zu helfen, sich vor den bewaffneten Männern zu verstecken, als zwei von ihnen uns fanden“, erzähltt unsere Mitarbeiterin Debra. Sie hat den Anschlag am 11. Juli auf das Krankenhaus in Zemio, im Südosten des Landes, miterlebt. „Sie kamen plötzlich ins Krankenhaus, zielten mit ihren Waffen auf uns und erschossen ein Baby in den Armen seiner Mutter.“

Einen Monat später war das Krankenhaus in Zemio erneut Schauplatz eines Angriffs. 7.000 Menschen hatten dort vor dem Konflikt Zuflucht gesucht, als auf sie geschossen wurde. Dies war der Wendepunkt für die 22.000 Einwohner von Zemio. Alle, die konnten, flohen aus der Stadt über die Grenze in die benachbarte Demokratische Republik Kongo. Dort leben sie jetzt als Flüchtlinge.

Christelle und Debra sind nur zwei von vielen tausend Menschen, die im vergangenen Jahr die Rückkehr der brutalen Gewalt in ein Land erlebt haben, das sich noch immer von dem blutigen Bürgerkrieg in den Jahren 2013 und 2014 erholt.

„Im vergangenen Jahr haben wir in der Zentralafrikanischen Republik Patienten behandelt, die angeschossen, abgestochen, geschlagen, in ihren Häusern verbrannt und vergewaltigt wurden“, sagt Frédéric Lai Manantsoa, Leiter unserer dortigen Projekte. „Im Jahr 2017 haben wir hier ein Ausmaß an Gewalt gegen die Zivilbevölkerung erlebt, das die schlimmsten Monate des Konflikts der Jahre 2013 und 2014 heraufbeschwor.“

Fast 40 Angriffe auf Krankenhäuser, Fahrzeuge und medizinisches Personal

Unsere Teams haben nicht nur schreckliche Geschichten von ihren Patienten gehört, sie haben auch persönlich Gewalt erlebt. Im Jahr 2017 gab es durchschnittlich drei Angriffe pro Monat gegen die medizinischen Einrichtungen, Fahrzeuge und Mitarbeiter der Organisation in allen Projekten des Landes. Diese Angriffe sowie zahlreiche weitere Vorfälle gegen Zivilisten und Hilfsorganisationen machten die Zentralafrikanische Republik im Jahr 2017 zu einem der gefährlichsten Länder für humanitäre Helfer.

„Nach dem Angriff auf das Krankenhaus in Zemio musste ich mit meiner Familie in die Demokratische Republik Kongo fliehen“, sagt Pierre Yakanza, Assistent unserer Koordination in Zemio war, bis er die Stadt gemeinsam mit fast allen seinen Nachbarn vor einigen Monaten verließ, um der Gewalt zu entkommen. „Ich lief die ganze Nacht und überquerte den Fluss in einem Kanu. Wir konnten nicht in Zemio bleiben. Es gibt hier keine Verwaltungsbehörden mehr, und jeder kann tun, was er will.“

Einer von fünf Menschen in diesem Land mit 4,5 Millionen Einwohnern musste aufgrund der Gewalt im Jahr 2017 sein Zuhause verlassen. Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) meldete Ende 2017 die höchste Zahl von Vertriebenen in der Zentralafrikanischen Republik seit der Krise von 2013 (688.000). Und mehr als 540.000 Menschen leben als Flüchtlinge in den Nachbarländern.

Krankenhäuser sind keine sicheren Orte mehr

Wir behandelten die Menschen, die während dieser neuen Welle der Gewalt verletzt wurden. Unsere Teams versorgten aber auch Schwangere oder Menschen mit vermeidbaren oder chronischen Krankheiten, deren Zustand sich verschlechterte, weil sie aufgrund des Konflikts nicht rechtzeitig medizinisch versorgt werden konnten. Die Gewalt im Jahr 2017 hatte schwerwiegende Folgen für den Zugang der Menschen zu medizinischer Versorgung, vor allem, wenn diese am dringendsten gebraucht wurde. Dies hat die Bevölkerung extrem verletzlich gemacht – vor allem in Kombination mit dem eingeschränkten Zugang der Menschen zu Nahrung, Wasser, Unterkünften und Bildung.

Zuvor waren Krankenhäuser einer der wenigen Orte, an denen sich die Menschen sicher fühlten. Tausende Familien suchten monatelang Zuflucht in medizinischen Einrichtungen. Doch Krankenhäuser sind keine sicheren Orte mehr: Im vergangenen Jahr wurden Krankenwagen zerstört oder angegriffen, während sie Verletzte transportierten. Es gab wahllose Schießereien in medizinischen Einrichtungen. Patienten wurden gewaltsam aus ihren Betten geholt und kaltblütig getötet.

Die Anschläge des vergangenen Jahres zeigen eine völlige Missachtung der humanitären Prinzipien und bringen sowohl Patienten als auch unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Gefahr. An einigen Orten wie in Bangassou nahmen Gewalt und Unsicherheit ein solches Ausmaß an, dass wir die schwere Entscheidung treffen mussten, die Arbeit auszusetzen. In Bangassou blieben Patienten ohne die Hilfe zurück, die ihr Leben hätte retten können.

Das Jahr 2018: Erneute Gewalt und kein sicherer Ort für die Bevölkerung

Der Ausblick für dieses Jahr ist nicht ermutigend. „Das Gesundheitssystem ist nahezu inexistent und die ständigen Angriffe auf medizinische Einrichtungen, Patienten und Krankenwagen verschlechtern die Situation deutlich“, sagt Christian Katzer, Leiter unserer Projektabteilung in Berlin. „Tausende Menschen haben keinen Zugang zu medizinischer Hilfe. Viele werden an vermeidbaren Krankheiten wie Malaria, Durchfall und Atemwegsinfektionen sterben, den drei Haupttodesursachen für Kinder unter fünf Jahren im Land.“

Das Jahr 2018 begann mit einem erneuten Ausbruch von Gewalt, diesmal in Paoua und in der Nähe von Markounda, im Nordwesten des Landes. Ein Dutzend Verwundete wurden im Krankenhaus in Paoua behandelt. Sie erzählten von willkürlichen Angriffen, brennenden Dörfern und vielen Toten und Verletzten. Die Gewalt führte dazu, dass weitere 66.000 Menschen innerhalb des Landes vertrieben wurden, während 20.000 Menschen über die Grenze in den Tschad geflohen sind, um den Kugeln, Vergewaltigungen und Plünderungen zu entkommen. Diese Angriffe verletzen sowohl das humanitäre Völkerrecht als auch nationales Recht in der Zentralafrikanischen Republik. Es scheint, dass das Jahr 2018 einer Bevölkerung, die keine sichere Zuflucht mehr hat, keine Pause bieten wird.