Stiller Tod in Zeiten von Covid-19

Masern-Epidemien in Zentralafrika

Die Anstrengungen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie sind weltweit im Fokus. Dadurch gerät die Bekämpfung von Krankheiten wie Masern, an denen allein 2018 mehr als 140.000 Kinder starben, in Gefahr. Die derzeit größte Masern-Epidemie grassiert in der Demokratischen Republik Kongo. Unsere Teams vor Ort wissen aus Erfahrung, wie gravierend die Folgen einer solchen Fokusverschiebung sein können. Und auch in der Zentralafrikanischen Republik und im Tschad greifen Masern weiter um sich, die vor allem Kinder töten. Wir zeigen, wie wir den Menschen in den drei Ländern helfen, schauen auf die großen logistischen Herausforderungen, die bei einer Impfkampagne gemeistert werden müssen und gehen der Frage nach: Was bedeutet die Coronavirus-Pandemie für Menschen, die kaum Zugang zu medizinischer Versorgung haben?

Demokratische Republik Kongo: Mehrere Epidemien auf einmal

Bereits 2018 brachen in der Demokratischen Republik Kongo die Masern aus, erst im Juni 2019 wurde die Epidemie offiziell bestätigt. Da die Behörden gleichzeitig eine Ebola-Epidemie bekämpften, wurden die Masern-Aktivitäten von Anfang an vernachlässigt. Erst Ende 2019 fand eine erste Impfkampagne statt. 

Diese Verzögerung führte dazu, dass sich der Ausbruch zur bislang tödlichsten Masern-Epidemie des Landes und zur derzeit größten der Welt entwickelte. „Seit Januar 2020 wurden bereits mehr als 50.000 Masern-Infektionen und 600 Todesfälle offiziell bestätigt“, so Emmanuel Lampaert, unser Projektkoordinator im Land. „Dabei sind viele Regionen mit steigenden Fallzahlen und Todesfällen noch gar nicht im letzten nationalen Masernreaktionsplan aufgeführt.“

Covid-19 erschwert Impfkampagnen

„Es ist ungemein wichtig, vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen, um die Bevölkerung und das Gesundheitspersonal gegen die Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie zu schützen. Vor allem in diesem Land, in dem das Gesundheitssystem so schwach ist“, erklärt Lampaert. „Leider wirken sich diese Maßnahmen nachteilig auf die Masern-Bekämpfung aus.“

Wir sind inzwischen in einem Dutzend Provinzen landesweit aktiv und haben seit Beginn des Jahres bereits mehr als 260.000 Kinder gegen Masern geimpft und rund 17.500 Kinder behandelt. Insbesondere die Versorgung der Menschen in abgelegenen Regionen ist eine große Herausforderung. Unsere Teams müssen mitunter mit Motorrädern sechs Stunden auf sandigen Strecke zurücklegen - und dabei viele Hindernisse überwinden. Im Gepäck: Große Kühlboxen mit Impfstoffen.

"Jede Verzögerung erhöht das Risiko, dass sich die Epidemie weiter ausbreitet und weitere Kinder tötet. Dasselbe ist schon während des westafrikanischen Ebola-Ausbruchs passiert, als die Masernimpfungen unterbrochen wurden“, erklärt Lampaert. Unsere Teams suchen daher immer weiter nach neuen Hotspots und passen die Projekte an die neuen Bedingungen der Coronavirus-Pandemie an.

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Zentralafrikanische Republik: Masern im Konfliktgebiet

Das Land befindet sich nach jahrelanger Gewalt und Unsicherheit in einer chronischen Gesundheitskrise. Von den rund fünf Millionen Bewohner*innen wurden mehr als 700.000 Menschen vertrieben. Hunderttausende haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Unter diesen Bedingungen konnten sich die hochansteckenden Masernviren schnell ausbreiten. Als das Gesundheitsministerium im Januar 2020 die landesweite Epidemie bestätigte, starteten wir eine großangelegte Impfkampagne für mehr als 340.000 Kinder.

„Niemand hier kann sich eine Krankenhausbehandlung leisten, also versuchen wir, uns mit traditioneller Medizin zu heilen. Als letzten Ausweg gehen wir zu traditionellen Heilern und bezahlen sie mit einem Huhn, wenn wir kein Geld haben“, erzählt Véronique, eine lokale Bäuerin, die gekommen ist, um ihre jüngste Tochter impfen zu lassen. "Dies ist das erste Mal, dass wir von einer Impfung hören.“

Die Kunst der Kühlkette

Wie in der Demokratischen Republik Kongo, ist es auch in der Zentralafrikanischen Republik eine enorme logistische und finanzielle Herausforderung, solch eine umfassende Impfkampagne in entlegenen, isolierten Gebieten zu organisieren: „Viele Gebiete können wir nur mit dem Flugzeug erreichen. Unsere mobilen Teams sind oft tagelang unterwegs. Ganz zu schweigen von der unsicheren Lage, die vielerorts herrscht oder von der Kunst, die Impfdosen ohne verlässliche Stromversorgung über längere Zeit kalt zu halten“, erklärt Ester Gutierrez, die unsere Projekte im Land leitet.

Unser Logistiker Zacharie in der Kleinstadt Baboua nahe der Grenze zu Kamerun steht daher jeden Morgen um 3 Uhr auf, um die Impfstoffe für die acht mobilen Teams vorzubereiten: „Der wichtigste Aspekt ist die Aufrechterhaltung der Temperatur der Impfstoffe, wenn sie aus den Gefriertruhen unserer Basis, der so genannten aktiven Kühlkette entnommen und in die passive Kühlkette in den Kühlboxen übergeben werden, die unsere mobilen Teams zu den Impfstellen bringen. Es ist ein sehr heikles Verfahren.“

Neben dem Impfprogramm versorgen unsere Teams auch Kinder, die an Masern erkrankt sind, seit Jahresbeginn mehr als 6.200. Ihre Immunsysteme sind oft geschwächt und es können sich eine Reihe anderer Gesundheitsprobleme wie schwere Atemwegsinfektionen oder Durchfallerkrankungen entwickeln. Eine weitere häufige Komplikation ist Mangelernährung, da viele Kinder mit Masern schmerzhafte Geschwüre entwickeln, die sie daran hindern können, richtig zu essen. 

Tschad: Neue Strategien für Impfkampagnen

Während die Sorge vor der Ausbreitung von Covid-19 im Tschad steigt, sind auch dort mehrere Landesteile fest im Griff einer seit zwei Jahren andauernden Masern-Epidemie. Offiziell wurde sie bereits im Mai 2018 bestätigt -inzwischen sind 118 von 126 Gesundheitsbezirken betroffen. Vor allem im Süden, der an die Zentralafrikanische Republik grenzt, steigen die Fallzahlen rasch an.
In diesem Jahr haben wir unter anderem in den Bezirken Beboto und Kyabé Zehntausende Kinder geimpft. Dabei untersuchten und behandelten unsere Teams auch mangelernährte Kinder und leisteten umfassende Gesundheitsberatung.

"Eines der besonderen Merkmale des Bezirks Kyabé ist, dass er in einem ländlichen, grenzüberschreitenden Gebiet liegt, in dem die Bevölkerung recht verstreut lebt und zum Teil aus nomadisierenden Viehhirt*innen besteht.", erklärt unser Projektkoordinator Moha Zemrag. "Es war viel Informations- und Kommunikationsarbeit nötig, um sie überhaupt zu finden, um ihre Kinder impfen zu können".

Hausbesuche und Maskenproduktion

Während sich auch im Tschad Regierung und Geberländer derzeit auf die Coronavirus-Pandemie konzentrieren, behält die Masern-Epidemie für uns höchste Priorität und damit auch eine Massenimpfkampagne. „Wir müssen sicherstellen, dass Masern und andere Krankheiten angesichts von Covid-19 nicht vernachlässigt werden. Ansonsten könnten sich all diese Krankheiten miteinander verbinden und zu einem noch größeren Problem führen“, erklärt unsere Projektleiterin Seidina Ousseini.

Dazu ziehen wir verschiedene strategische Möglichkeiten in Betracht: So könnten die Kinder beispielsweise bei Hausbesuchen geimpft werden. So würden wir Menschenansammlungen begrenzen und sicherstellen, dass die Impfkampagne nicht zur Verbreitung des Coronavirus beiträgt. Auch Sammeltermine für bis zu 50 Personen wären möglich, wenn wir räumlichen Abstand zwischen den Menschen gewährleisten können und alle Beteiligten persönliche Schutzausrüstung erhielten. Zwar haben wir zu diesem Zweck vor Kurzem in der Hauptstadt N'Djamena die Herstellung von Stoffmasken aufgenommen. Doch das reicht bei weitem nicht aus.