Welttuberkulosetag 2017

Neue Hoffnung für Patienten mit resistenter Tuberkulose

MSF

Jedes Jahr erkranken 10,4 Millionen Menschen an Tuberkulose (TB). 1,8 Millionen Erkrankte sterben daran. Somit ist TB eine der tödlichsten Krankheiten weltweit. 85 Prozent der Erkrankungen treten in Asien und Afrika auf. Neue, kürzere Behandlungsregime und die ersten neu entwickelten Medikamente seit 50 Jahren machen Hoffnung. Doch bisher haben nur fünf Prozent derer, die sie bräuchten, auch Zugang dazu.

„Sehen sie, ich bin geheilt. Selbst meine Beine machen mir keine Probleme mehr. Ich kann wieder normal laufen. Ich spaziere im Krankenhaus umher, gehe an die frische Luft und komme wieder, wenn ich genug habe“, sagt Tholakele glücklich, während sie umherläuft, um zu zeigen, wie gut sie bereits genesen ist. Tholakele ist 39 Jahre alt und leidet an resistenter TB. Sie ist seit Mai 2016 im staatlichen Tuberkulose-Krankenhaus Moneni in Swasiland in Behandlung, das von Ärzte ohne Grenzen unterstützt wird. Swasiland hat eine der höchsten Erkrankungsraten von TB und multiresistenter TB weltweit. Diese Zahlen zeigen, wie wichtig es ist, dass Betroffene Zugang zu besseren Medikamenten erhalten

Leidvolle Behandlung, schwerwiegende Nebenwirkungen – Wir versuchen den Alltag zu erleichtern

Für Patienten mit resistenter TB wie Tholakele ist die Behandlung ein zwei Jahre andauernder, extrem aufreibender Prozess. Sechs Monate lang bekommen sie jeden Tag 15 bis 25 Tabletten sowie Injektionen. Bei Patienten, die nicht auf die Medikamente anspringen, dauert die Behandlung noch länger. Nebenwirkungen sind unter anderem Taubheit, Leber- und Nierentoxizität und in extremen Fällen Psychosen. Oftmals müssen Patienten während ihrer Behandlung ihre Arbeit aufgeben. In Ländern wie Swasiland sind sie dadurch stark von Armut bedroht.

In unserem Gesundheitszentrum in der Stadt Matsapha gehen wir seit einiger Zeit neue Wege. Um das Leben der Patienten zu verbessern, die durch die Behandlung hörgeschädigt sind, bieten wir Kurse für Gebärdensprache an. „Durch ihre Taubheit riskieren die Erkrankten, von ihrer Familie und der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Ohne Unterstützung kann das schlimme Folgen für ihr Sozialleben haben. Wir hoffen, dass sie mithilfe der neuen Kommunikationsmöglichkeit wieder ihren Platz in der Gesellschaft finden“, sagt Fundzile Msibi, unsere psychologische Koordinatorin vor Ort.

Winile ist eine der Patientinnen, die von dem Kurs bereits profitieren konnten. Sie hat nach sechs Monaten Behandlung gegen extrem resistente TB 2013 ihr Gehör verloren. Jetzt beherrscht sie die Gebärdensprache. „Ich nutze die Gebärdensprache, um mit meinen Kindern zu kommunizieren. Ich versuche ihnen das beizubringen, was ich gelernt habe, damit wir uns verständigen können. Meine Kinder sind noch jung und brauchen mich. Durch die Gebärdensprache kann ich weiterhin ein Teil ihres Lebens sein.“

Neue Behandlungsregime und Medikamente – Hoffnung für jene, die vorher keine Hoffnung hatten

In Swasiland wurden durch die Unterstützung von Ärzte ohne Grenzen große Fortschritte bei der Behandlung von TB erzielt. Seit Januar 2014 haben wir die Behandlungsdauer für Patienten in Matsapha und Mankayane von 24 auf neun bis zwölf Monate reduziert. Seit dem Beginn dieses neuen Behandlungsregimes im Jahr 2014 konnten 135 Patienten behandelt werden.

Neben der kürzeren Behandlung verwenden wir nun auch Bedaquilin und Delamanid. Dabei handelt es sich um zwei Medikamente gegen TB, die nach fast 50 Jahren ohne größeren medizinischen Fortschritt in diesem Bereich neu entwickelt wurden. Sie können in komplizierten Fällen resistenter TB eingesetzt werden, die vorher gar nicht mehr behandelbar waren. Die Medikamente verursachen auch keine extremen Nebenwirkungen mehr – wie Taubheit.

Für TB-Patienten führen die neuen Behandlungsregime und Medikamente nicht nur zu einem besseren Gesundheitszustand. Sie bringen Hoffnung für jene, die vorher keine Hoffnung mehr hatten. Bis jetzt hat das Medikament Bedaquilin bei mehr als 90 Prozent der Patienten mit resistenter TB gut angeschlagen.

Nur ein Bruchteil der Patienten hat Zugang zu den neuen Medikamenten

Leider erhalten nur fünf Prozent der Patienten, die die neuen Medikamente bräuchten, diese tatsächlich. Gemäß Schätzungen vom Oktober 2016 wurden weltweit bisher nur 5.738 Patienten mit Bedaquilin behandelt. Nur 405 Patienten hatten Zugang zu Delamanid. Alle anderen Patienten mit resistenter TB leiden weiterhin unter den langwierigen, teilweise ineffektiven und hoch toxische Behandlungen. 

„Trotz aggressiver Medikation wird nur die Hälfte der Menschen mit resistenter TB geheilt. Es ist absurd, dass wir Kurse in Gebärdensprache anbieten müssen, weil derzeitige Medikamente Taubheit verursachen können. Auch dass eine Organisation wie Ärzte ohne Grenzen klinische Studien initiiert, zeigt, wie vernachlässigt die medizinische Forschung in diesem Bereich ist. Diese massive Forschungslücke muss dringend geschlossen werden", sagt Marco Alves von der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen Deutschland.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 2007 in Swasiland. Wir arbeiten eng mit dem Gesundheitsministerium zusammen, um die Diagnose und Behandlung von TB voranzubringen, vor allem für resistente Formen der Krankheit. Unsere Teams sind in den staatlichen Gesundheitseinrichtungen in Mankayane, Matsapha, Shiselweni und Moneni im Einsatz.