Welt-Tuberkulose-Tag 2015: Partnerschaft startet innovative Tuberkulosebehandlung mit neuen Medikamenten

Ein junges Mädchen wird in Papua Neuguinea wegen Verdachts auf Tuberkulose untersucht.

Paris/Boston/Dubai, 23. März 2015. Die Organisationen Partners in Health (PIH), Ärzte ohne Grenzen (MSF), Interactive Research and Development (IDR) und ihr Finanzierungspartner UNITAID starten im April das Projekt „endTB“. Die Initiative hat zum Ziel, die Behandlung von schwierigen resistenten Formen der Tuberkulose radikal zu verändern.

Bis 2019 wird „endTB“ 2.600 Patienten mit multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB) in insgesamt 16 Ländern mit zwei neuen Medikamenten versorgen. Bedaquilin und Delamanid sind die ersten neuen Medikamente gegen Tuberkulose seit 50 Jahren – daher sind große Hoffnungen der Patienten mit ihnen verbunden. „endTB“ wird diese Medikamente nach den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation bei einer genau überwachten Gruppe von Patienten anwenden. Darüber hinaus wird „endTB“ in innovativen klinischen Studien komplett neue Behandlungsschemata bei 600 MDR-TB-Patienten testen. Wenn diese kürzere, patientenfreundlichere Strategie sich als sicher und wirksam herausstellt, wäre dies ein revolutionärer Durchbruch bei der Behandlung der Krankheit.

Obwohl beide Medikamente seit mehr als einem Jahr zur Behandlung von MDR-TB zugelassen sind, werden sie bisher nur in wenigen Fällen angewendet. Der Zugang zu den Medikamenten in Ländern mit besonders vielen MDR-TB-Patienten wurde fast ausschließlich über „compassionate use“-Programme gewährt, das heißt außerhalb von erprobten Behandlungsplänen als individuelle Heilversuche bei Patienten ohne alternative medizinische Optionen. Diese Programme erfordern für jeden Einzelfall eine Genehmigung des Herstellers.

Es wird geschätzt, dass bis jetzt weniger als 1.000 Patienten mit Bedaquilin behandelt wurden. Obwohl auch Delamanid in „compassionate use“-Programmen zur Verfügung gestellt wurde, haben es bisher nur eine Handvoll Patienten bekommen. „endTB“ könnte die Voraussetzungen für eine angemessene Versorgung für potentiell hunderttausende Erkrankte schaffen.

„Die größte Herausforderung ist heute, dass das Wissen über diese Medikamente sehr begrenzt ist. Viele der am stärksten betroffenen Länder sind nicht in der Lage, die erweiterten Sicherheitskontrollen durchzuführen, die zur Verwendung der Medikamente vonnöten sind“, erklärt Dr. Aamir Khan, „endTB“-Projektleiter des IDR. „In den meisten Ländern sind Bedaquilin und Delamanid nicht zugelassen, und selbst in den Ländern mit Zulassung sind die Mechanismen der Medikamentenbeschaffung sehr langwierig und kompliziert.“

Die aktuelle Behandlung von nicht-resistenter Tuberkulose basiert auf einem sechsmonatigen Behandlungsplan mit verschiedenen Antibiotika. Zu MDR-TB werden alle Formen des TB-Bakteriums gerechnet, die mindestens gegen Rifampicin und Isonaizid resistent sind, den beiden leistungsstärksten Antibiotika der Primärtherapie. Extrem resistente Tuberkulose (XDR-TB) tritt dann auf, wenn auch es auch Resistenzen gegen Medikamente der Sekundärtherapie gibt..

Von geschätzt 500.000 Patienten, die jedes Jahr MDR-TB entwickeln, sind ungefähr 10 Prozent an XDR-TB erkrankt. Für diese Patienten gibt es nur sehr wenige wirksame Medikamente, die in Behandlungsplänen von bis zu zwei Jahren verabreicht werden. Diese Therapien haben erhebliche Nebenwirkungen. Die Erfolgsquote für Patienten mit MDR-TB liegt nur bei 50 Prozent, bei XDR-TB sogar nur bei 20 Prozent.

„Wir erleben jeden Tag, wie langwierig, schmerzhaft und wirkungslos die derzeitige Behandlung von Patienten mit resistenter Tuberkulose ist“, sagt Dr. Michael Rich, „endTB“-Projektleiter bei PIH. „Jahrzehntelang sind wir Mediziner der Krankheit hinterhergelaufen und haben auf neue Hilfsmittel zu ihrer Bekämpfung gewartet. Heute haben wir eine Chance, die Oberhand gegenüber der Tuberkulose zu gewinnen. Doch dafür müssen wir schnell handeln und den Rahmen für einen optimalen und effektiven Gebrauch dieser neuen Medikamente setzen.“

In jenen Ländern, in denen XDR-TB-Patienten mit Bedaquilin versorgt wurden, sind die Ergebnisse der Therapie äußerst ermutigend: Nach einer sechsmonatigen Behandlung in einem Projekt von Ärzte ohne Grenzen in Armenien konnten bei 85 Prozent der Patienten keine Tuberkulosebakterien mehr im Sputum gefunden werden.

„Diese Medikamente geben Patienten und Medizinern neue Hoffnung. Aber die Medikamente allein sind nur die halbe Miete“, sagt Dr. Francis Varaine, „endTB“-Projektleiter bei Ärzte ohne Grenzen. „Wir brauchen bessere Erkenntnisse bezüglich der Sicherheit, Effizienz und Wirksamkeit der Medikamente – besonders, wenn sie in Kombination mit weiteren Medikamenten eingenommen werden. Auch die ideale Behandlungsdauer, Nebenwirkungen und andere Parameter müssen erforscht werden. Erst dann können wir die Situation der Patienten im Kampf gegen MDR-TB wirklich grundlegend verändern.“

„Dieses Projekt wird dazu beitragen, die Behandlung von MDR-TB wirksamer und erträglicher zu gestalten und somit die Übertragung der Krankheit aufzuhalten“, sagt Lelio Marmora, Geschäftsführer von UNITAID. „Diese neue Investition ist Teil unseres breiteren Portfolios zur Einführung von wirksameren Innovationen im weltweiten Kampf gegen Tuberkulose. Die neuen Medikamente zur Behandlung von resistenter Tuberkulose werden sehr dringend benötigt. Teilweise hängt das auch mit den Erfolgen bei der Diagnose zusammen – die diagnostizierten Krankheitsfälle haben sich seit 2009 verdreifacht.“

Hintergrund

endTB

Das 4-Jahres-Projekt startet offiziell am 1. April. Es wird von UNITAID mit bis zu 60,4 Millionen US-Dollar finanziert. Die Behandlung von mindestens 2.600 Patienten mit den neuen TB-Medikamenten Bedaquilin und Delamanid wird in 16 Ländern durchgeführt: Äthiopien,  Armenien, Bangladesch, Georgien, Kasachstan, Kenia, Kirgistan, Indien, Indonesien, Lesotho, Myanmar, Nepal, Nordkorea, Pakistan, Peru und Weißrussland. Jeder Patient wird bezüglich der Reaktion auf das Medikament und potentieller Zwischenfälle genau überwacht.

Die Klinischen Studien werden an fünf Standorten stattfinden, die derzeit ausgewählt werden. Sie werden die Sicherheit und Wirksamkeit mehrerer patientenfreundlicher Behandlungspläne mit jeweils einem der beiden Medikamente testen. Die Aufnahme der Patienten in die Studien wird Ende des Jahres beginnen. Behandlungspläne mit beiden Medikamenten gleichzeitig könnten in einer späteren Phase getestet werden, falls andere Studien die Wirkstoffkombination als aussichtsreich erscheinen lassen.

Des Weiteren wird das Projekt die vorhandenen länderspezifischen Barrieren für die Einführung neuer TB-Medikamente reduzieren. Es wird Erkenntnisse zur Registrierung in den betroffenen Ländern bringen und sich für einfache und schnelle Beschaffungsabläufe einsetzen. Auch wird das Programm einen Erkenntnisgewinn für WHO-Empfehlungen zur Nutzung von TB-Medikamenten bringen.

Bedaquilin und Delamanid

Bedaquilin (Sirturo™) und Delamanid (Deltyba™) sind  die ersten neu entwickelten Medikamente gegen Tuberkulose seit 50 Jahren. Sie werden von den Firmen Janssen Pharmaceuticals beziehungsweise Otsuka Pharmaceutical hergestellt. Bedaquilin wurde Ende 2012 unter Vorbehalt zur Behandlung von Erwachsenen mit MDR-TB von der US-Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) zugelassen. Delamanid wurde im November 2013 von der European Medicines Agency (EMA) ebenfalls unter Vorbehalt zur Vermarktung freigegen. Beide haben sich in klinischen Studien der Phase II als wirksam in der Behandlung von Tuberkulose erwiesen. Für Delamanid hat bereits Phase III der klinischen Studien begonnen.

UNITAID

UNITAID fördert internationale Projekte gegen HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria. Seit der Gründung im Jahr 2006 wurden mehr als 260 Millionen US-Dollar in den Kampf gegen MDR-TB investiert. Aktuelle Projekte konzentrieren sich vor allem auf einen breiteren Zugang zu neuen MDR-TB-Medikamenten bei gleichzeitiger Sicherstellung des Zugangs zu den alten Medikamenten sowie Investitionen in eine Verbesserung der TB-Diagnostik durch die EXPAND-TB und TBXpert Programme. Darüber hinaus arbeitet UNITAID auch an der Einführung pädiatrischer Medikamente für die über 500.000 Kinder, die jedes Jahr an Tuberkulose erkranken.

Ärzte ohne Grenzen

Seit 30 Jahren engagiert sich Ärzte ohne Grenzen für Patienten mit Tuberkulose. Das erste MDR-TB-Projekt wurde 1999 eröffnet. Mit 29.900 behandelten TB-Patienten im Jahr 2013, darunter 1.950 mit resistenter Tuberkulose, ist Ärzte ohne Grenzen eine der bedeutendsten Nichtregierungsorganisationen in diesem Bereich. Aktuell werden in den Projekten 75 Patienten in Armenien, Georgien und Kenia mit Bedaquilin oder Delamanid versorgt.

Partners in Health (PIH)

PIH behandelte die ersten Patienten mit MDR-TB im Jahr 1995. Seitdem hat PIH in verschiedenen Ländern gemeinschaftsbasierte Behandlungsprogramme aufgebaut, etwa in Peru, Kasachstan, Russland, Haiti und Lesotho.

Interactive Research and Development (IRD)

IRD arbeitet in einigen besonders von MDR-TB betroffenen Ländern, etwa in Pakistan, Bangladesch und Indonesien. IDR unterstützt Prozess- und Technologieinnovationen, etwa innovative soziale Geschäftsmodelle für Privatanbieter im Bereich von Lungenkrankheiten oder Anreizsysteme, die bessere Behandlungserfolge ermöglichen.