Südsudan

Vom Patienten zum Heiler

Francis Gatluak, zuständig für die Tuberkulose-Station des Krankenhauses in Leer, kümmert sich um einen jungen Patienten.

Vor drei Jahrzehnten zwang der Bürgerkrieg im Sudan die Familie des kleinen Francis Gatluak, aus ihrem Dorf im Bundesstaat Unity, in der nördlichen Region des heutigen Südsudan, zu fliehen. Später machte sich Francis, selbst krank, mit 18 anderen Erkrankten auf den dreitätigen Fußweg nach Leer, um medizinische Hilfe zu suchen. Ärzte ohne Grenzen hatte dort damals gerade mit Tests der Tropenkrankheit Kala Azar begonnen. Francis überlebte die Erkrankung - die meisten seiner Begleiter leider nicht. Francis wurde schließlich, was er früher gar nicht im Sinn hatte, ein medizinischer Mitarbeiter. Noch heute arbeitet er als Krankenpfleger für Ärzte ohne Grenzen.

Die Region Unity war zur Zeit von Francis' Erkrankung ein ausgezeichneter Nährboden für Kala Azar. Eine Hungersnot hatte die Menschen für Krankheiten besonders anfällig gemacht, und Ströme von Vertriebenen, die keine natürliche Immunität gegen die Erkrankung hatten, drängten in die Region - beides eine Folge des Bürgerkriegs in Sudan. Zu dieser Zeit konnte Ärzte ohne Grenzen den Diagnostik-Test in Leer allerdings nicht durchführen. Die Blutproben wurden in ein Labor in Nairobi geschickt, und es dauerte Monate, bis man die Resultate erhielt. Francis' erster Test auf Kala Azar kam negativ zurück, aber eine zweite Blutprobe war positiv - zwei Monate, nachdem er eingetroffen war. Die meisten Menschen, mit denen er zu Fuß nach Leer gekommen war, hielten nicht so lange durch. "Wir waren 18 Personen, und 15 sind gestorben, bevor sie behandelt werden konnten", sagt er.

"In manchen Fällen waren ganze Familien erkrankt"

Als Francis seine Diagnose bekam, war er immerhin in der Lage, sich der Behandlung zu unterziehen: zwei schmerzhafte Injektionen mit Sodium Stibogluconat (SSG) täglich, 30 Tage lang. Diese Medikamenten-Verordnung, die in den 30er Jahren entwickelt wurde, ist so toxisch, dass manche Patienten daran sterben - aber etwas anderes war damals nicht zu bekommen. 2002 begannen Ärzte ohne Grenzen, Patienten mit einer 17-tägigen Therapie aus einer Kombination von SSG und dem Medikament Paromomycin zu behandeln, die sicherer und wirksamer war. Doch trotz dieser Vorteile und obwohl sie sich zur Behandlung des in Ostafrika entdeckten Erregerstamms von Kala Azar eignet, bietet diese Anwendung für Schwerkranke, Ältere oder schwangere Frauen keine Sicherheit. U.a. für diese Patienten wird ein anderes Medikament injiziert, das für diese Zielgruppe wirksamer und wesentlich weniger toxisch ist.

Da Francis etwas Englisch konnte, fragten ihn die Mitarbeiter nach überstandener Krankheit, ob er nicht da bleiben und ihnen als Übersetzer helfen könnte. Das tat er dann ein paar Monate lang und bekam Lust, mehr zu tun. "Langsam habe ich gelernt, wie ich einem Patienten helfen kann", sagt er.

"Jetzt gibt es nichts Wichtigeres, was ich tun kann"

Er begann, bei den Behandlungen zu assistieren und lernte allmählich, Kranke medizinisch zu versorgen. Dann tat er einen weiteren mutigen Schritt, der dazu führte, dass viele Menschenleben gerettet wurden. "Niemand im Behandlungszentrum in Leer stammte aus Leer", erinnert er sich. "Ich wusste, alle Patienten kamen aus derselben Gegend wie ich." Fast alle Fälle in Leer und Hunderte andere Vertriebene, die von Ärzte ohne Grenzen behandelt wurden, stammten aus einer von Hungersnöten geplagten Region namens Duar, in der Nähe von Bao. Francis drängte Ärzte ohne Grenzen, nach Duar zu gehen und dort Behandlungen durchzuführen. Die Organisation war bereit, ein Erkundungsteam hinzuschicken. Francis begleitete es.

"Eigentlich wollte ich nicht Krankenpfleger werden … Aber nach all den Toten, die ich gesehen habe, und nach meiner eigenen Heilung dachte ich, es gibt jetzt nichts Wichtigeres, was ich tun kann."

100.000 Menschen starben bei der von 1984 bis 1994 dauernden Epidemie - ein Drittel der Bevölkerung der Region

Francis Initiative veranlasste Ärzte ohne Grenzen, 1990 eine Klinik in Duar einzurichten, wo allein im ersten Jahr an die 10.000 Menschen gegen Kala Azar behandelt wurden. Ärzte ohne Grenzen behandelte zwischen 1989 und 1995 insgesamt 19.000 Patienten im heutigen Südsudan gegen Kala Azar. In den Jahren danach hat die Organisation Kala Azar-Patienten nicht nur weiterhin behandelt, sondern sich auch für ihre Rechte eingesetzt: Sie litten an etwas, das als "seltene Tropenkrankheit" bekannt war und diese wurde von der Arzneimittelforschung häufig ignoriert.

Francis arbeitet heute in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr als Krankenpfleger. Er war in Arbeitsbereichen von Ärzte ohne Grenzen in anderen afrikanischen Ländern eingesetzt. Nun ist er vor kurzem ins Krankenhaus nach Leer zurückgekehrt, wo er derzeit für die Tuberkulose-Station zuständig ist.