Südsudan

Das Hochwasser geht zurück, doch die Spannungen bleiben

Zehntausende Menschen haben in dem Flüchtlingslager in der Nähe von Bentiu Zuflucht gesucht.

Zehntausende Menschen suchen in einem Vertriebenenlager nahe der Stadt Bentiu Zuflucht. Es ist  eines von mehreren Lagern für den Schutz der Zivilbevölkerung im Südsudan, die von den Vereinten Nationen (UN) nach dem erneuten Ausbruch der Gewalt im vergangenen Dezember bereitgestellt wurden. Doch das Lager befindet sich in einem der größten Sumpfgebiete der Welt und war fast während des ganzen Augusts überflutet: das Hochwasser reichte teilweise bis zu den Knie und war durch Abwässer und Schmutz verunreinigt. Viele Menschen schliefen daher stehend mit ihren Kindern auf dem Arm. Das Lager zu verlassen und sich in das umliegende Konfliktgebiet zu wagen, bedeutet aber, Vergewaltigungen und andere gewaltsame Übergriffe durch bewaffnete Gruppen zu riskieren. Unsere Notfallkoordinatorin Vanessa Cramond beschreibt die weiterhin angespannte Lage vor Ort.

„Innerhalb des Lagers ist der Wasserpegel deutlich gesunken, nachdem ein zwei Kilometer langer Kanal zur Verbesserung des Abflusssystems fertig gestellt worden war. Es gibt zwar immer noch überschwemmte Gebiete, aber die Unterkünfte der meisten Menschen sind nun trocken. Auch die Straßen innerhalb des Lagers sind wieder viel besser befahrbar und die Menschen sind froh darüber. Doch hinter dem Stacheldraht geht der Alltag weiter. Die Menschen sind damit beschäftigt, ihre Unterkünfte mit Dämmen aus Schlamm und kleinen Gräben zu sichern. Der Preis für eine Schubkarre voll Erde lag bei fünf südsudanesischen Pfund (ca. 0,7 EUR) - die Vertriebenen versuchten damit, den Boden ihrer Behausungen zu erhöhen. Doch nun wird die Erde von den UN-Truppen gratis bereitgestellt, da sie durch die Grabungen frei verfügbar ist.

Schutz vor Gewalt für Frauen und Kinder

Im Allgemeinen scheint es, als würden weniger Übergriffe auf Frauen und Kinder stattfinden, die außerhalb des Schutzgebietes Holzkohle oder Feuerholz suchen, um zu kochen. Zusätzlich zur Bewachung des Lagers führen die UN-Truppen nun auch drei Mal täglich „Feuerholz-Patrouillen“ entlang der Hauptstraße vom Lager zur rund fünf Kilometer entfernten Stadt durch. Manche Frauen haben ihre eigenen kleinen Geschäftstätigkeiten gestartet und verkaufen Feuerholz innerhalb des Lagers an diejenigen, die zu viel Angst haben, das Lager zu verlassen. So können sie auch ein kleines Einkommen erwirtschaften. Doch Ärzte ohne Grenzen ist noch immer über die mangelnde Sicherheit von Frauen und Kindern außerhalb des Schutzgebietes besorgt und beobachtet die Situation weiterhin sehr genau.

In letzter Zeit haben wir auch immer wieder Menschen gesehen, die mit frischen Guaven, Papayas, Zitronen und Okra-Schoten in das Lager zurückkehrten – sie haben die Feldfrüchte aus den Gärten verlassener Hütten rund um die Stadt Bentiu gesammelt. Manchmal gibt es auch etwas Fisch, der draußen gefangen wurde. Dennoch: die Umgebung bleibt stark militarisiert und die Lage ist entsprechend angespannt. In der Stadt selbst wurden verlassene Büros von Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) von bewaffneten Männern übernommen, die meisten Geschäfte und Märkte sind geschlossen, und Schulen werden als Bordelle oder Brauereien verwendet. Oft sieht man Kindersoldaten in viel zu großen Uniformen mit neuen, glänzenden Sturmgewehren.

Kaum medizinische Hilfe für Bevölkerung

Wir machen uns Sorgen um die Zivilbevölkerung außerhalb des Lagers, die keinen Zugang zu unseren Angeboten hat. Daher haben wir eine mobile Klinik in der Stadt Bentiu eingerichtet. Ab sofort ist ein Team von Ärzte ohne Grenzen regelmäßig im geplünderten ehemaligen Krankenhausgebäude, um Frauen und Kindern in den Dörfern rund um die Stadt auch einen Zugang zur Basisgesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Wir sind weiterhin sehr wachsam was den Ausbruch von Krankheiten betrifft, denn im überfüllten Lager stellen übertragbare Krankheiten wie Masern vor allem für kleine Kinder ein großes Risiko dar. Während der vergangenen Monate sind mehrere Kinder aufgrund von Komplikationen nach einer Masern-Infektion verstorben. Daher haben wir in den vergangene Woche gemeinsam mit anderen Organisationen im Gesundheitsbereich eine Impfkampagne gestartet und mehr als 14.200 Kinder geimpft. Wir haben auch das Aufkommen von Mangelernährung untersucht und erste positive Anzeichen von Verbesserungen festgestellt: Vor sechs Wochen waren sieben Prozent der untersuchten Kinder schwer mangelernährt – dieser Wert ist nun auf 1,3 Prozent gesunken. Der Grund dafür liegt unserer Meinung nach darin, dass einerseits sauberes Trinkwasser bereitgestellt wird und sich andererseits auch die Gesundheits- und Ernährungssituation innerhalb des Lagers dank regelmäßiger Nahrungsmittelverteilungen verbessert hat. Es ist sehr ermutigend, dass wir innerhalb der vergangenen drei Wochen in unserer Klinik für Mangelernährung keine Todesfälle zu beklagen hatten.

Doch trotz aller Verbesserungen bleiben wir vorsichtig. Es herrscht immer noch Regenzeit und mit dem nächsten starken Regen könnte das Hochwasser wiederkommen. Diese tief gelegenen Gebiete sind einfach nicht dafür geeignet, dass hier Menschen langfristig leben. Und sobald die Regenzeit aufhört, könnten Probleme entstehen, die Bevölkerung im Lager weiterhin mit ausreichend sauberem Wasser zu versorgen. Solange keine politische Lösung der Krise in Sicht ist, blicken die Menschen hier weiterhin einer unsicheren Zukunft entgegen.“

Die Teams von Ärzte ohne Grenzen bieten in dem Lager nahe Bentiu für die 40.000 dort lebenden Menschen medizinische Versorgung an. Bentiu liegt im südsudanesischen Bundesstaat Unity, eines der am schwersten durch den Konflikt betroffenen Gebiete. Derzeit leitet Ärzte ohne Grenzen ein Krankenhaus auf dem  Gelände des Lagers.