Venezuela: „Die Menschen fangen an, aufzugeben“

Hilfe für Jugendliche und Erwachsene

Das Leben der Menschen in Venezuela ist von der anhaltenden wirtschaftlichen und politischen Krise schwer beeinträchtigt. Wir arbeiten in der Hauptstadt Caracas und in sieben Bundesstaaten des Landes. Die 17-jährige Juznedi Lacruz beschreibt ihren Alltag so: "Wir haben ein schwieriges Leben: Alles ist teuer, es fehlen grundlegende Waren und wir haben nicht immer so viel zu essen, wie wir bräuchten.“ Im Land gibt es viele Teenager-Schwangerschaften, und Verhütungsmittel sind kaum mehr verfügbar. Deshalb werden inzwischen noch mehr junge Frauen schwanger. Uns ist wichtig, uns insbesondere auch um sie zu kümmern. Doch unsere Hilfe umfasst mehr, z.B. auch Aktivitäten zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie.

Veronica Alejandra ist 15 Jahre alt, hat aber schon viel durchgemacht. Als sie klein war, starb ihre Mutter. Sie lebt mit ihrem Sohn und ihrer Großmutter in prekären Verhältnissen in der Nähe eines Dorfes im Bundestaat Anzoategui im Norden Venezuelas: „Ich teile mein Schlafzimmer mit meiner Großmutter und meinem Sohn. … Wenn es regnet, werden unsere Matratzen nass. Wir legen sie in die Sonne und versuchen sie zu trocknen, oder wir schlafen in der Küche.“

Veronica erzählt, dass ihre Familie nicht begeistert reagiert habe, als sie ein Kind erwartete. Sie habe bei der Vorstellung, ihren Sohn zur Welt zu bringen, aber wieder Freude spüren können - nach dem Tod ihrer Mutter. Veronica ist eine der vielen Jugendlichen, die regelmäßig in unser Gesundheitszentrum Amigos para la Salud kommen. In den ersten fünf Monaten ihrer Schwangerschaft, als sie noch nichts vom Gesundheitszentrum wusste, ließ sich Veronica nicht untersuchen. "Ich hatte Angst bei dem Gedanken an eine Untersuchung oder einen Ultraschall. Außerdem hatte meine Familie kein Geld", sagt sie.

Fokus auf junge Mütter

Das Gesundheitszentrum Amigos para la Salud haben wir 2018 zusammen mit einer lokalen Organisation und den Gesundheitsbehörden eröffnet. "Die politische und wirtschaftliche Krise in Venezuela hat das Gesundheitssystem schwer getroffen", sagt unsere Projektkoordinatorin Claire Damar, "deshalb haben viele nur eingeschränkten Zugang zur Gesundheitsversorgung.“

"Die Krise in Venezuela gefährdet die Menschen. Aber wir glauben, dass Jugendliche und Kinder besonders gefährdet sind und oft Schwierigkeiten haben, solche Hilfen zu erhalten, wie wir sie anbieten. Deswegen ist unser Service im Gesundheitszentrum so stark auf sie ausgerichtet“, sagt Magali Gutieres, die unser Hilfe dort medizinisch betreut. Fast 40 Prozent der Menschen, die wir hier kostenlos behandeln, sind Kinder unter fünf Jahren, und fast ein Drittel der schwangeren Frauen, die in die Klinik kommen, sind Teenager.

Begeistert von den Gesprächen mit der Psychologin

Veronica blickt Alexander, ihren vier Monate alten Sohn, an und lächelt. "Ich ging nach seiner Geburt immer wieder in die Klinik. Immer wenn mein Kind krank ist oder geimpft werden muss. Heute bin ich hier, um ihn gegen Kinderlähmung impfen zu lassen. Als ich Mutter wurde, bekam ich einen Zettel, auf dem alle Impfungen erklärt wurden, die mein Sohn bekommen musste und wann.“

Auch Juznedi Lacruz lässt ihre Tochter Juli Angel bei uns impfen. Sie und Veronica nehmen auch unser therapeutisches Angebot wahr. Juznedi ist begeistert von ihren Sitzungen mit der Psychologin: "Sie hat mir sehr geholfen. Ich konnte mit ihr über den Vater meines Babys sprechen, der mich verließ, als ich schwanger wurde, und ich sprach über die Sorgen um die Zukunft meiner Tochter."

Beide Frauen sind sehr froh über die Unterstützung, die sie sich sonst niemals leisten könnten. Veronica berichtet von Veränderungen bei sich: „Ich nutze auch den Service für Familienplanung. Für mich ist es wichtig, die Pille zu nehmen. Man kann so selbst entscheiden, ob man ein Kind möchte oder nicht. Ich möchte zunächst kein weiteres Kind. … Ich gehe nicht mehr zur Schule, aber ich wünsche mir, wieder lernen zu können. Ich habe schon sehr früh aufgehört, mit 13 Jahren. Damals habe ich nicht begriffen, wie wichtig Bildung ist. Jetzt aber hat sich meine Perspektive auf das Leben stark verändert.

"Die Menschen fangen an, aufzugeben. Sie haben das Vertrauen in ihr Leben verloren"

Im Bundestaat Anzoátegui unterstützen wir auch Gesundheitsstationen in vier weiteren Gemeinden. Zudem arbeiten wir in ländlichen Gebieten in der Erkennung und Behandlung von Malaria.  Auch Gesundheitsaufklärung ist ein sehr wichtiges Angebot. Unsere Mitarbeiterin Joyce Hernandez ist dafür viel unterwegs. Sie erzählt: „Die Menschen fangen an, aufzugeben. Sie haben das Vertrauen in ihr Leben verloren und ein Stück weit auch ihr Selbstvertrauen. Ich sehe das bei den Teenagern: Viele haben keine konkreten Pläne für die Zukunft.“ Joyce berichtet davon, wie schwierig es ist, das Richtige zu tun, wenn das Geld schon für Nahrungsmittel nicht ausreicht: „Manchmal fehlt den Menschen, was sie bräuchten, um unseren Rat umzusetzen. So wissen sie beispielsweise, dass sie sich die Hände waschen müssen, aber sie können sich keine Seife leisten. Das Essen kommt an erster Stelle - besonders, wenn kleine Kinder da sind.“

Wichtige Infektionsprävention und –kontrolle in Covid-19-Krisenzeiten

Während der Covid-19-Pandemie ist unser Ziel, die Hilfe aufrecht zu erhalten und gleichzeitig für die Sicherheit von Patient*innen und Gesundheitspersonal zu sorgen. Wir richteten spezielle Triage-Verfahren in den Kliniken für Menschen mit Covid-19-Symptomen ein, stellen Schutzausrüstung bereit und schulen Personal.

Allein in der ersten Hälfte des Jahres haben wir in Anzoátegui mehr als 24.700 Patient*innen erreicht. Täglich kommen Menschen in das Gesundheitszentrum, von denen viele Atemwegsinfektionen, Durchfall oder Hautkrankheiten haben.