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Unsere Hilfe in Afghanistan

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Die aktuelle Situation in Afghanistan

Seit dem Machtwechsel in Afghanistan und dem Ende der Kämpfe steigt beispielsweise in Herat und Lashkar Gah die Zahl unserer Patient*innen. Nachdem andere Kliniken und Organisationen in der Gegend ihre Tätigkeit - entweder aus Sicherheitsgründen oder weil sie nicht in der Lage sind, die Gehälter für ihre Mitarbeitenden zu zahlen - eingestellt haben, suchen immer mehr Menschen bei uns Hilfe.  

In Herat versorgen wir im Gesundheitszentrum Kahdestan Patient*innen ambulant und behandeln Kinder mit Atemwegsinfekten oder bei Durchfall. Auch die Zahl der mangelernährten Kinder, die wir in unserem Ernährungszentrum im Regionalkrankenhaus in Herat versorgen, ist innerhalb einer Woche um mehr als 36 Prozent gestiegen. In der Region kümmern wir uns auch um Vertriebene aus anderen Provinzen des Landes. Am Sonntag nach dem Machtwechsel kamen viele Patient*innen in unsere Klinik. Wir arbeiteten dort zunächst mit zwei, dann mit drei und nun mit vier Ärzt*innen. Allein an einem Tag untersuchte eine*r unsere*r Ärzt*innen über 150 Patient*innen. 

Im Vergleich zu früher stehen unsere Teams in Afghanistan nun vor größeren Herausforderungen. Die Behandlung von Patient*innen ist unsere Verantwortung und gleichzeitig hat die Sicherheit unserer Teams und Patient*innen immer höchste Priorität. Unsere Arbeit in Laschkar Gah, Herat, Kandahar, Chost und Kundus setzen wir fort. Um unabhängig, neutral und unparteilich zu arbeiten, finanziert sich Ärzte ohne Grenzen durch private Spenden und Zuwendungen und nimmt keine Gelder von Regierungen an. 

Wie wir in Afghanistan helfen

  • Wir versorgen Schwangere und Neugeborene und bieten kostenlose Geburtshilfe.
  • Wir kümmern uns in Notaufnahmen um die Versorgung von Verletzten und Verwundeten.
  • Wir behandeln Menschen, die zum Beispiel an Tuberkulose oder Covid-19 erkrankt sind.

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Warum wir in Afghanistan helfen

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Geburtshilfe: Mutter Zakia steht am Inkubator, in dem ihr Neugeborenes liegt
Die junge Frau brachte ihre Zwillinge 2019, mehrere Monate vor dem Anschlag, im Krankenhaus in Dascht-e-Bartschi zur Welt. Eines der Kinder war bei der Geburt unterzuckert und wurde für einige Stunden in den Inkubator gelegt.
©Sandra Calligaro

Die Zukunft Afghanistans ist ungewiss und die Herausforderungen, vor denen wir stehen, ändern sich. Der jahrzehntelange Konflikt im Land hat die afghanische Wirtschaft und Infrastruktur zerstört. Viele Menschen sind infolgedessen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das afghanische Gesundheitssystem ist unterfinanziert und unzureichend ausgestattet. Aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung, Gewalt und Armut ist die Sterblichkeitsrate in Afghanistan hoch. Unsere Patient*innen berichten von langen, gefährlichen Wegen, um mangelernährte Babys, Schwangere oder verletzte Angehörige ins Krankenhaus zu bringen. Sie erzählen von Kliniken, in denen es nicht genügend Medikamente oder qualifiziertes Personal gibt. Oft kämpfen sie mit Schulden aufgrund der Behandlungskosten. Bei Ärzte ohne Grenzen erhalten sie kostenlos medizinische Hilfe.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet gemäß der humanitären Prinzipien Neutralität, Unabhängigkeit und Unparteilichkeit. Diese wirken oft abstrakt aber gerade anlässlich der aktuellen Situation in Afghanistan sehen wir, wie wichtig diese sind: Denn sie sind der Hauptgrund, warum wir unsere Arbeit vor Ort trotz aller Widrigkeiten weiterführen können. In den fünf Provinzen Helmand, Herat, Kandahar, Chost und Kundus sind unsere Teams im Einsatz und leisten dringend notwendige medizinische Hilfe.

Im Moment ist Ärzte ohne Grenzen die einzige internationale Organisation, die in Herat arbeitet, da die anderen ihre Aktivitäten eingestellt haben. Früher konnten wir die Menschen an andere Gesundheitszentren oder Kliniken verweisen, aber jetzt haben wir das Gefühl, dass wir die letzte Option sind, wenn die Menschen zu uns kommen.

- unser*e afghanische*r Mitarbeiter*in in Herat 

Unsere Arbeit in Afghanistan wird durch die Gewalt im Land erschwert. In den letzten Jahren gab es schwere Angriffe auf unsere Krankenhäuser: Im Oktober 2015 zerstörten US-Luftangriffe unsere Unfallklinik in Kundus. 42 Menschen wurden getötet. Mittlerweile haben wir das Trauma-Zentrum in Kundus wieder aufgebaut und konnten es gerade in diesen Tagen, wo es dringend benötigt wird, wieder für die Menschen öffnen. Im Mai 2020 griff eine bewaffnete Gruppe unsere Entbindungsstation im Krankenhaus Dascht-e-Bartschi in Kabul an, wobei 16 Mütter und eine unserer Hebammen getötet wurden. Gesundheitseinrichtungen, Personal und Patient*innen dürfen weder bedroht noch angegriffen werden.  

  • 66.4
    Jahre im Durchschnitt.
    In Deutschland: 83.7 Jahre
  • 63.4
    Jahre im Durchschnitt.
    In Deutschland: 78.9 Jahre
  • 2196
    Mitarbeiter*innen waren für uns im Einsatz.
  • 33.3
    Millionen Euro haben wir für unsere Hilfe vor Ort aufgewendet.

Quellen: UNDESA (2019a), MSF International Activity Report 2020

Unsere Hilfe in Afghanistan 2020

  • 130.500 Konsultationen

  • 36.300 begleitete Geburten

  • 6.990 chirurgische Eingriffe

  • 1.370 Behandlungen von Menschen mit Tuberkulose

  • 600 stationäre Aufnahmen von Covid-19-Patient*innen

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Zakia hält ihre Zwillinge im Arm
Die junge Mutter hält ihre neugeborenen Zwillinge Abbas und Qasim im Arm.
©Sandra Calligaro

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Behandlung von Tuberkulose in Kandahar

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Badro Noor Mohammad wird wegen medikamentenresistenter Tuberkulose behandelt.
Badro Noor Mohammad und ihre Tochter Zainabo werden in unserem Behandlungszentrum in Kandahar wegen ihrer resistenten Tuberkulose behandelt. Sie wohnen seit fast einem Jahr im Gästehaus für Patient*innen.
©MSF/Laura Mc Andrew

Resistente Tuberkulose ist ein großes Problem in Afghanistan. Mangelndes Wissen über die Krankheit und unzureichende Verfügbarkeit von wirksamen Medikamenten verschärfen das Problem. In Kandahar unterstützen wir deshalb das Gesundheitsministerium bei der Diagnose und Behandlung von resistenten Formen der Tuberkulose. In unserem Behandlungszentrum versorgen wir Patient*innen sowohl ambulant als auch stationär und unterstützen sie bei den psychischen Herausforderungen, die mit der monatelangen Behandlung einhergehen.

Seit Dezember 2019 können wir unseren Patient*innen auch eine tablettenbasierte neunmonatige Behandlung bieten: Für die Menschen bedeutet das weniger Nebenwirkungen, eine deutlich kürzere Behandlungsdauer und ein Zugewinn an Lebensqualität. Daneben unterstützen wir das Mirwais-Regionalkrankenhaus, das Tuberkulose-Zentrum der Provinz sowie das Sarposa-Gefängnis in Kandahar bei der Diagnose und Behandlung von Tuberkulose.

Lebensrettende Geburtshilfe für Mütter und Kinder

In unserer Klinik in Chost kommen mehr Kinder zur Welt als in jedem anderen Projekt von Ärzte ohne Grenzen. Dank kostenloser, qualitativ hochwertiger Gesundheitsversorgung können wir in unseren beiden Krankenhäusern in den Provinzen Chost und Helmand des Leben vieler Mütter und Neugeborenen retten. Ein wichtiger Beitrag in einem vom Krieg gezeichneten Land: Denn nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben in Afghanistan fast 70-mal mehr Mütter bei der Geburt als in Deutschland. Ein Grund dafür ist, dass in dem Land nur knapp mehr als die Hälfte der Geburten durch geschultes Personal begleitet wird. In ländlichen Regionen wie der Provinz Chost wird die Lage dadurch verschärft, dass es nur Frauen erlaubt ist, Patientinnen zu behandeln.

Deshalb ist die Ausbildung von medizinischem Personal ein wichtiger und integraler Bestandteil unserer Arbeit in Afghanistan. Allein in unserer Klinik in Chost arbeiten rund 280 Afghaninnen. Das Projekt ist damit inzwischen der größte Arbeitgeber für Frauen in der Region. Seit 2016 unterstützen wir fünf weitere Gesundheitszentren, damit Patientinnen bei unkomplizierten Geburten näher an ihrem Wohnort entbinden können.

Als Hebammen in Afghanistan sind wir die stillen Führerinnen unseres Landes. Wir stehen am Bett der schwangeren Frauen, die die Zukunft des Landes zur Welt bringen - und wir müssen geschützt werden.

Zahra Koochizad, Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen auf der Geburtsstation im Krankenhaus Dasht-e-Barchi in Kabul

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Geburtshilfe in Dasht-e-Barchi: Zakia mit einem ihrer Zwillinge
Die junge Frau wird in den ersten Tagen nach der Geburt ihrer Zwillinge von ihrer Mutter unterstützt. Die junge Mutter und ihre Zwillinge waren mehrere Monate vor dem Anschlag in Dascht-e-Bartschi unsere Patient*innen und konnte gesund entlassen werden.
©Sandra Calligaro

Nicht nur der Weg in eine Klinik ist riskant, sondern auch die Ankunft in einer Einrichtung ist keine Garantie für Sicherheit. Das mussten unsere Patient*innen und Mitarbeiter*innen am 12. Mai 2020 schmerzlich erfahren. Bewaffnete Männer stürmten die Entbindungsstation im Krankenhaus Dascht-e-Bartschi in Kabul. Nach dem tödlichen Angriff mit 24 Toten haben wir das Projekt geschlossen, da wir die Sicherheit unserer Mitarbeiter*innen und Patientinnen nicht mehr garantieren konnten. Für die Gesundheit der Frauen und Kinder in der Region hat das schwerwiegende Folgen. Denn eine wichtige Hilfe fehlt nun. Mit fast 16.000 Entbindungen im Jahr 2019 war die Entbindungsstation eines unserer größten derartigen Projekte weltweit.

Covid-19-Behandlungszentrum in Herat

Herat ist ein Covid-19-Hotspot. Schon Ende Februar 2020 gab es dort erste Erkrankte. Die Pandemie verschlechterte die Situation im seit Jahrzehnten überlasteten afghanischen Gesundheitssystems weiter. Viele Ärzt*innen und Pflegekräfte erkrankten schwer. Der Mangel an Fachpersonal war überall zu spüren. Die deutsche Ärztin Patricia Neugebauer war von April bis Juni 2020 im Noteinsatz gegen Covid-19 in Herat.

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Patient mit Atemmaske im Covid-19-Behandlungszentrum in Herat
Mohammed Hashim ist der erste Patient im neu eröffneten 32-Betten-COVID-19-Behandlungszentrum in Herat.
©Laura Mc Andrew/MSF

Im Regionalkrankenhaus in Herat untersuchte sie gemeinsam mit afghanischen Kolleg*innen im Mai wöchentlich bis zu 2.000 Menschen. Von 100 Patient*innen waren zu dieser Zeit fünf bis zehn in einem ernsten bis kritischen Zustand. Das zeigt das Ausmaß der Krise. Im Juni eröffneten wir im Krankenhaus von Gaser Gah ein Covid-19-Behandlunszentrum mit 32 Betten. Wo immer möglich haben wir unsere Projekte um Angebote für Covid-19-Patient*innen erweitert: In unserer Geburtsklinik in Chost beispielsweise haben wir eine separate Station für an Covid-19 erkrankte Schwangere und Neugeborene eingerichtet. In den Projekten in Helmand und Kandahar behandelten wir Covid-19-Patient*innen mit Komorbiditäten.

Doch für viele Menschen ist das Virus nicht ihre größte Sorge, sondern die Versorgung ihrer Familien. Viele Afghan*innen wissen morgens oft nicht, woher sie genug Essen für ihre Kinder bekommen sollen. Das spürten wir auch in der Ernährungsstation des Regionalkrankenhauses von Herat, das wir seit Oktober 2019 unterstützen: Wir behandelten dort viele mangelernährte Kinder.

Notfallversorgung in Laschkar Gah

Die Provinz Helmand ist seit mehr als einem Jahrzehnt Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen zwischen Regierungs- und Oppositionskräften. Als im Oktober 2020 und erneut im Mai 2021 in der Gegend von Laschkar Gah schwere Kämpfe ausbrachen, versorgte unser Team im Boost-Krankenhaus viele Verletzte und Verwundete. Unsere Teams unterstützen ihre afghanischen Kolleg*innen unter anderem in der Notaufnahme, in der im vergangenen Jahr täglich rund 300 Patient*innen mit Verletzungen, Atemwegsinfektionen oder akutem Durchfall Hilfe suchten. Außerdem arbeiteten unsere Teams in der Chirurgie, in der Neonatologie und Pädiatrie.

Im April eröffneten wir in Folge der Covid-19-Pandemie eine Isolierstation für besonders gefährdete Covid-19-Patient*innen wie Schwangere, Kinder oder Menschen mit Tuberkulose.

Zuletzt aktualisiert am: 7.September 2021