Fragen & Antworten zu den Folgen unsachgemäßer Schwangerschaftsabbrüche

Das 17-jährige Mädchen will ihr Gesicht nicht zeigen. Nach wiederholten Vergewaltigungen eines Verwandten wurde sie mit 16 Jahren schwanger und trieb zuhause ab. Jetzt ist sie von der gleichen Person wieder schwanger.

Unsichere Schwangerschaftsabbrüche zählen zu den fünf häufigsten Ursachen für Müttersterblichkeit weltweit. Die folgenden Fragen und Antworten beleuchten die medizinischen Auswirkungen sowie den Umgang von Ärzte ohne Grenzen mit betroffenen Frauen in den Hilfsprojekten.

In unseren Projekten auf der ganzen Welt erleben unsere Teams immer wieder, dass Frauen und Mädchen ihr Leben riskieren, um ungewünschte Schwangerschaften zu beenden. Oft genug sehen sie sich gezwungen, zu unsicheren Methoden zu greifen, weil es keine sicheren und legalen Alternativen gibt. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es pro Jahr rund 25 Millionen unsachgemäße Schwangerschaftsabbrüche*. Das bedeutet, dass sie von Personen vorgenommen werden, die nicht über die erforderlichen Fähigkeiten verfügen, oder in einem Umfeld, das nicht den medizinischen Mindeststandards entspricht.
Unsachgemäße Schwangerschaftsabbrüche können zu schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen führen und sogar tödlich enden. Mehr als 22.800 Frauen sterben daran jährlich**; weitere sieben Millionen werden in sogenannten Entwicklungsländern wegen der Folgen ins Krankenhaus eingeliefert***. Die Dunkelziffer ist vermutlich viel höher – denn viele Frauen und Mädchen haben keine Möglichkeit, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ihr Leiden bleibt meist unerkannt und taucht in keiner Statistik auf.

Wieso sind die Folgen unsicherer Schwangerschaftsabbrüche ein wichtiges Thema?

Unsichere Schwangerschaftsabbrüche und aus ihnen resultierende Todesfälle sind zu bis zu 97**** Prozent in Afrika, Lateinamerika sowie Süd- und West-Asien zu verorten. In all diesen Regionen arbeitet Ärzte ohne Grenzen. Unsichere Schwangerschaftsabbrüche sind absolut vermeidbar, dennoch müssen sie als diejenige Ursache von Müttersterblichkeit betrachtet werden, die seit 1990 am wenigsten zurückgegangen ist. *****

In unseren Projekten sehen wir täglich die verheerenden Folgen von unsicheren Schwangerschaftsabbrüchen. In einigen unserer Krankenhäuser machen sie bis zu 30 Prozent der in den Geburtshilfe-Abteilungen behandelten Notfälle aus. Die lebensbedrohlichen Konsequenzen unsicherer Schwangerschaftsabbrüche, die wir behandeln, umfassen schlimmste Blutungen, Sepsen, Uterusperforationen und Schädigungen anderer innerer Organe sowie Vergiftungen. Das kann dazu führen, dass wir Bluttransfusionen machen müssen, größere Eingriffe zur wiederherstellenden Chirurgie oder zur Entfernung der Gebärmutter. Zu den Langzeitfolgen gehören chronische Schmerzen, Anämie, Unfruchtbarkeit und damit verbundene soziale und ökonomische Konsequenzen für die Frauen, ihre Familien und Gemeinschaften.

Stellt Ärzte ohne Grenzen Empfängnisverhütungsmittel sowie medizinische Hilfe für sichere Schwangerschaftsabbrüche zur Verfügung? Was sind dabei die Kriterien?

Im Rahmen unserer allgemeinen medizinischen Aktivitäten für die Gesundheit von Frauen und Mädchen bieten wir Verhütungsmittel an. Außerdem behandeln wir Komplikationen, die nach einem unsachgemäßen Schwangerschaftsabbruch auftreten und leiten den Abbruch einer Schwangerschaft ein, um im Falle von lebensbedrohlichen Komplikationen das Leben einer Frau zu retten.

Wir helfen auch medizinisch, wenn Frauen oder Mädchen den Abbruch ihrer Schwangerschaft wünschen. Denn unerwünschte Schwangerschaften und daraus resultierende unsachgemäße Schwangerschaftsabbrüche tragen in erheblichem Maße zu gesundheitlichen Problemen und Todesfällen unter Frauen und Mädchen bei.

Die Entscheidung, ob ein Schwangerschaftsabbruch auf Wunsch der Patientin möglich ist, wird mit größtmöglicher Umsicht getroffen. Die Sicherheit unserer Patientinnen ist unser oberstes Anliegen. Alle relevanten rechtlichen Rahmenbedingungen, Bräuche und Auffassungen müssen in Betracht gezogen werden.

Wie steht Ärzte ohne Grenzen zu Schwangerschaftsabbrüchen?

Ärzte ohne Grenzen ist als unparteiliche medizinische Nothilfeorganisation mit den katastrophalen Folgen unsachgemäßer Schwangerschaftsabbrüche konfrontiert: Unsachgemäße Abbrüche verursachen großes Leid und viele Todesfälle und verschlimmern den ohnehin oft schlechten Gesundheitszustand von Frauen in den Ländern, in denen wir arbeiten. Wir wollen nicht zulassen, dass Patientinnen Gesundheit und Leben riskieren und helfen ihnen daher ggf. medizinisch, wenn sie sich gegen eine Schwangerschaft entschieden haben. Der Abbruch einer Schwangerschaft ist zunächst die alleinige Entscheidung der Frau bzw. des Mädchens. Ob ein Schwangerschaftsabbruch auf Wunsch der Patientin dann auch aus unserer Sicht möglich ist, entscheiden wir mit größtmöglicher Umsicht. Alle relevanten rechtlichen Rahmenbedingungen, Bräuche und Auffassungen müssen in Betracht gezogen werden.

Führt Ärzte ohne Grenzen Schwangerschaftsabbrüche in seinen Hilfsprojekten durch?

Unser Ziel ist es, in Konflikt- und Krisenregionen Leid und Tod zu bekämpfen. Wenn das Leben einer werdenden Mutter bedroht ist, müssen Ärztinnen und Ärzte mit der Patientin oder ihrer Familie eine Entscheidung treffen. Wenn das Leben der Frau nicht unmittelbar bedroht ist, sie ihre Schwangerschaft aber dennoch beenden will, wägen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab und entscheiden, ob wir eine sachgemäße Abtreibung anbieten können oder nicht. Dies kann eine schwierige Entscheidung sein, denn wir erleben immer wieder, dass Frauen andere Wege finden, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden, wenn die Möglichkeit eines sicheren Abbruchs nicht besteht. Wir analysieren die Risiken, bevor wir eine Entscheidung treffen. Die jeweiligen Gesetze, Bräuche und Sichtweisen müssen dabei in Betracht gezogen werden.

Bis zu welchem Zeitpunkt ist ein Abbruch bei Ärzte ohne Grenzen möglich?

Ein gewünschter Schwangerschaftsabbruch in Projekten von Ärzte ohne Grenzen ist bis zum Ende des ersten Drittels der Schwangerschaft möglich. Zu einem späteren Zeitpunkt kann ein Abbruch in Betracht kommen, wenn die medizinische Notwendigkeit besteht und die Umstände des Projektes es zulassen. Dabei spielt zum Beispiel eine Rolle, ob der Patientin absolute Vertraulichkeit zugesichert werden kann, ob das notwendige Material und Personal zur Verfügung stehen, und ob in dem Projekt grundsätzlich die Möglichkeit besteht, schwerere Komplikationen adäquat zu behandeln.

In jedem Fall ist die Entscheidung unabhängig von möglichen Gründen, die eine Frau dazu antreiben, ihre Schwangerschaft zu beenden. Alle Frauen, die medizinische Hilfe für einen Schwangerschaftsabbruch erbitten und diese nicht erhalten, sind im gleichen Maße der Gefahr eines unsachgemäßen Abbruchs ausgesetzt.

Unterstützt Ärzte ohne Grenzen Schwangerschaftsabbrüche auch in Fällen, in denen die Gesundheit der Mutter nicht gefährdet ist?

Ärzte ohne Grenzen fördert Schwangerschaftsabbrüche in keiner Weise aktiv, sondern reagiert mit seiner Hilfe auf akute medizinische Probleme oder Anfragen von Patientinnen. Der Abbruch einer Schwangerschaft ist die alleinige Entscheidung der Frau bzw. des Mädchens. Unser einziges Ziel ist die Vermeidung der medizinischen Konsequenzen eines unsicheren Abbruchs. Denn Frauen, die beschließen ihre Schwangerschaft zu beenden, werden einen Weg dazu finden, selbst wenn dies ihr Leben gefährdet. Wir möchten die Risiken unsachgemäßer Abbrüche und das Leid aufgrund einer ungewollten Schwangerschaft reduzieren.

Müssen Ärztinnen und Ärzte, die mit Ärzte ohne Grenzen in den Einsatz gehen, bereit sein, Abbrüche durchzuführen?

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen müssen die Regelungen für Familienplanung einschließlich der Regelung für Schwangerschaftsabbrüche verstehen und damit einverstanden sein. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen bereit dazu sein, die sichere Behandlung von Frauen zu gewährleisten – unabhängig von persönlichen Überzeugungen. Das bedeutet auch, jeden Grund für einen gewünschten Schwangerschaftsabbruch zu akzeptieren und sicherzustellen, dass jede Patientin von einer medizinischen Fachkraft über die Behandlung aufgeklärt wird und eine informierte Entscheidung treffen kann.

Informiert Ärzte ohne Grenzen in seinen Projekten aktiv über die Möglichkeit, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen?

Ärzte ohne Grenzen fördert Schwangerschaftsabbrüche in keiner Weise aktiv, sondern reagiert mit seiner Hilfe auf akute medizinische Probleme oder Anfragen von Patientinnen. Der Abbruch einer Schwangerschaft ist die alleinige Entscheidung der Frau bzw. des Mädchens. Unser einziges Ziel ist die Vermeidung der medizinischen Konsequenzen eines unsicheren Abbruchs. Denn Frauen, die beschließen ihre Schwangerschaft zu beenden, werden einen Weg dazu finden, selbst wenn dies ihr Leben gefährdet.

Stellt Ärzte ohne Grenzen die „Pille danach“ zur Verfügung?

Wenn ein Mädchen oder eine Frau die Angst äußern, aufgrund von erzwungenem Sex, sexueller Gewalt, Versagen eines Verhütungsmittels oder aus anderen Gründen schwanger zu werden, prüft Ärzte ohne Grenzen, ob eine Notfallverhütung möglich ist. Auf Wunsch der Patientin stellen wir die sogenannte „Pille danach“ zur Verfügung.

* https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/preventing-unsafe-abortion
** https://www.guttmacher.org/report/abortion-worldwide-2017
*** https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/preventing-unsafe-abortion
**** https://www.guttmacher.org/news-release/2017/worldwide-estimated-25-mill...
***** https://www.thelancet.com/action/showPdf?pii­S0140-6736%2816%2931533-1

Februar 2019