UNAIDS-Bericht: Ärzte ohne Grenzen fordert Ausweitung der HIV-Behandlung

Ärzte ohne Grenzen begrüßt die im heute veröffentlichten UNAIDS-Bericht vorgestellten Fortschritte bei der Behandlung von HIV/Aids. Die internationale Hilfsorganisation appelliert an die betroffenen Staaten, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kürzlich geänderten Behandlungsrichtlinien noch vor der UN-Finanzierungskonferenz zur Aids-Bekämpfung im nächsten Juni umzusetzen. Die neuen Richtlinien sehen eine unmittelbare Behandlung nach einer positiven Diagnose vor. Bislang wird eine Therapie meist erst bei einer deutlichen Schwächung des Immunsystems begonnen.

„Es ist erfreulich, dass die Zahl der behandelten Menschen mit HIV weiter steigt: 2,2 Millionen Patienten erhielten innerhalb eines Jahres erstmals Zugang zu Medikamenten. Aber um bis 2020 das globale Ziel von 30 Millionen behandelter Patienten zu erreichen, müssen jährlich drei Millionen weitere Menschen mit HIV antiretrovirale Medikamente erhalten“, sagt Sharonann Lynch von der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. „Die Länder sollten keine Zeit verlieren und die neuen WHO-Behandlungsrichtlinien sofort anwenden.“

Ärzte ohne Grenzen begrüßt, dass immer mehr Menschen, die mit HIV leben, Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten haben. Laut dem von UNAIDS heute veröffentlichten Fortschrittsbericht zur Behandlung von HIV haben mittlerweile 15,8 Millionen Menschen Zugang zu lebensnotwendigen Medikamenten. Das ist aber noch immer deutlich weniger als die Hälfte der insgesamt 37 Millionen Menschen mit HIV.

Ein von Ärzte ohne Grenzen in Swasiland durchgeführtes Pilotprojekt zur umgehenden Behandlung nach einer positiven Diagnose zeigt, dass die Therapie von den Patienten akzeptiert wird. Es zeigt auch, dass dieses „test and treat“-Programm auch in ärmeren Ländern möglich ist. Der Anteil der Patienten, die eine Behandlung begannen, lag in der Gruppe mit weniger geschwächtem Immunsystem (mit einem CD4-Zellwert von über 500) bei 82 Prozent und war damit ähnlich hoch wie in der Gruppe, deren Immunsystem schon stärker geschwächt ist (mit einem CD4-Zellwert von unter 500). Ärzte ohne Grenzen führt dieses Programm auch im Südsudan durch.

Damit die neuen WHO-Richtlinien umgesetzt werden, müssen alle Regierungen politischen Willen und finanzielle Unterstützung mobilisieren, insbesondere in Ländern mit niedriger HIV-Behandlungsrate. Während weltweit fast die Hälfte der mit HIV lebenden Menschen Zugang zu Behandlung hat, erreichten die Behandlungsquoten etwa im Tschad, in der Demokratischen Republik Kongo, in der Zentralafrikanischen Republik und im Südsudan nicht einmal 25 Prozent.

„Wir dürfen bei der Bekämpfung von Aids nicht auf halbem Weg stehen bleiben“, sagt Philipp Frisch, Koordinator der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland. „Die Behandlung sehr viel früher anzufangen als bisher, verhindert auch weitere Ansteckungen und hilft so, die HIV/Aids-Epidemie endlich in den Griff zu bekommen. Die Staaten müssen sich entscheiden: entweder sie ergreifen diese Chance entschlossen und investieren jetzt – oder sie setzen ihre bisherigen Erfolge wieder aufs Spiel. Auch Deutschland muss endlich den seit sieben Jahren stagnierenden Beitrag zum Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose auf mindestens 400 Millionen Euro pro Jahr verdoppeln.“