„Jeder Fall ist ein Fall zu viel“ - Statement zu Fehlverhalten bei Ärzte ohne Grenzen

In den vergangenen Wochen gab es etliche Medienberichte zu Missbrauchsvorwürfen gegen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Auch Zahlen von Ärzte ohne Grenzen wurden wiedergegeben, die wir der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt haben. Wir werden zu Recht gefragt, welche Schritte wir unternehmen, um Fehlverhalten zu bekämpfen. Es ist positiv, dass die gesamtgesellschaftlichen Probleme sexuelle Belästigung und Missbrauch Aufmerksamkeit bekommen – und dabei auch das Verhalten von Hilfsorganisationen unter die Lupe genommen wird, egal wie unbequem es für die beteiligten Organisationen ist. Denn jeder Fall ist einer zu viel - und jeden Fall in den eigenen Reihen bedauern wir zutiefst. Gleichzeitig ist jede Meldung eines Vorfalles positiv, denn nur wenn Fehlverhalten gemeldet und geahndet wird, können sich die Betroffenen sicher fühlen.

Wir tolerieren keinerlei Belästigung, Diskriminierung oder gar Missbrauch

Ärzte ohne Grenzen toleriert keinerlei Belästigung, Diskriminierung oder gar Missbrauch. Wir tun alles dafür, in unseren Projekten ein vertrauens- und respektvolles Miteinander zu gewährleisten. Es gibt bei uns seit Jahren Verhaltenskodizes, Trainingsmaßnahmen und Briefings für unsere Mitarbeiter, die sich zudem unserer Charta verpflichten. Es gibt außerdem unterschiedlichste Mechanismen unangemessenes Verhalten und Missbrauch zu melden und eine Reihe von Sanktionen, die von Warnungen oder Suspendierung bis zur Entlassung reichen. In einigen Fällen schalten wir – in Absprache mit dem Opfer - die örtliche Polizei ein. Wir unterstützen Opfer auch psychologisch, medizinisch und juristisch.

Mehr als 40.000 Mitarbeitende – Beschwerdemanagement und Konsequenzen

In unseren Projekten weltweit arbeiten mehr als 40.000 Mitarbeiter. Im Jahr 2017 haben wir über unsere Beschwerdemechanismen 146 Hinweise auf mögliches Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter erhalten. Nach Untersuchungen der Hinweise wurden 21 Vorfälle als sexuelle Belästigung und 3 Fälle als sexueller Missbrauch eingestuft. Diese Fälle reichten von verbaler Respektlosigkeit bis hin zu körperlicher Aggression. Bei 22 dieser 24 Vorfälle waren Täter wie Geschädigte Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen. In zwei Fällen waren die Geschädigten nicht Mitarbeitende von Ärzte ohne Grenzen. Als Konsequenz aus den 24 bestätigten Vorfällen wurden 19 Mitarbeiter entlassen. Auch die übrigen fünf Mitarbeitenden wurden sanktioniert, unter anderem durch Verwarnungen und Suspendierung.

Wir wissen, dass wir weiter an uns arbeiten müssen

Wir arbeiten kontinuierlich daran, das Bewusstsein für das Problem und die zur Verfügung stehenden Melde- und Ahndungsmöglichkeiten innerhalb unserer Organisation zu schärfen. Wir wollen, dass jeder um diese weiß, und dass Opfer und Hinweisgeber, die Beschwerden melden, sich geschützt fühlen. Wir gehen davon aus, dass es für schutzlose Menschen besonders schwierig ist, Fälle von Machtmissbrauch zu melden. Die Angst davor, dass einem nicht geglaubt wird, und vor Stigmatisierung oder Repressalien ist in vielen Krisen- und Konfliktgebieten, in denen wir arbeiten, noch größer als beispielsweise  in Deutschland.

Ärzte ohne Grenzen ist in dieser Hinsicht also nicht frei von Problemen. Wir wissen, dass wir weiter an uns arbeiten müssen –und hoffen, dass Transparenz auch dazu beiträgt, dass mehr Fälle gemeldet werden.

Florian Westphal, Geschäftsführer Ärzte ohne Grenzen Deutschland

Weitere Informationen zum Thema finden Sie hier: Ein Arbeitsumfeld, das frei von Belästigung, Ausbeutung und Missbrauch sein sollte

Februar 2018