Ukraine

Leben in einem Dorf an der Front - Wie Ärzte ohne Grenzen die Not der Bewohner lindert

Tatjana Iwanowna, 65 Jahre alt, wohnt in einem ostukrainischen Dorf, das nur fünf Kilometer von der Frontlinie entfernt liegt. Sie wird von uns medizinisch versorgt und psychologisch betreut.

Im ostukrainischen Opytne leben Menschen ohne Zugang zu medizinischer Versorgung und lebenswichtige Medikamente. Das Dorf liegt nahe der Frontlinie in einem von der Ukraine kontrollierten Gebiet, gegenüber dem zerstörten Flughafen von Donetsk, der sich jetzt in der selbst ernannten Volksrepublik Donetsk befindet. Ärzte ohne Grenzen hat ein kleines mobiles Team dorthin entsendet. Es sichert die medizinische Grundversorgung und leistet psychologische Hilfe für Menschen mit seelischen Erkrankungen.

Opytne ist vom Umland weitgehend abschnitten. Es gibt keinen öffentlichen Personenverkehr und die Witterung ist schlecht. Den zumeist älteren Dorfbewohner bleibt daher keine andere Wahl, als mit den ständigen Belastungen zu leben, die der Konflikt in ihre Region gebracht hat. Die Menschen leiden unter akuten Angstzuständen und Depressionen, denn das Grollen vom Granatenbeschuss ist permanent zu hören. Außerdem haben sie keine Möglichkeiten, chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Diabetes behandeln zu lassen.

Seit Mitte Dezember 2017 ist eines unserer mobilen Klinikteams für die Bewohner von Opytne da. Ein Arzt und eine Pflegekraft gewährleisten die medizinische Grundversorgung der Menschen, und ein Psychologe bietet therapeutische Beratung an. „Weil es keinen Allgemeinarzt gibt, versorgen sich die Bewohner von Opytne medizinisch teilweise selbst. Sie messen gegenseitig ihren Blutdruck und verabreichen einander Medikamente“, sagt unsere Projektkoordinatorin für das Donetsk-Gebiet, Myriam Berryr. „Es gibt keine Straße und somit auch keine Autos im Dorf. Die Bewohner gehen mehrere Kilometer, um Avdiivka, eine nahe gelegene Stadt, über einen Feldweg zu erreichen.“

Hilfe für Menschen in verzweifelter Lage

Unser Team hat Anwohner gefunden, die in teilweise zerstörten Gebäuden leben und für Nahrung, Heizung und Elektrizität auf die Hilfe internationaler Nichtregierungsorganisationen angewiesen sind. Trotz der widrigen Lebensumstände zögern aber viele, ihre Häuser zu verlassen und aus dem Dorf zu fliehen.

„Die Nähe zur Frontlinie und die Geräuschkulisse der Gefechte belasten die Bevölkerung täglich“, sagt Berry. „Das ist bei weitem die verzweifelteste Lage, der ich in unserem Einsatz hier seit meiner Ankunft im Mai 2017 begegnet bin. Von den zehn Patienten, die wir bereits untersucht haben, hatte die Hälfte einen Blutdruck von über 200, was auf den konstanten Stress hinweist.“

„Nach unserer ersten Bedarfsermittlung haben wir zwei Monate lang vergebens versucht, in das Dorf zu kommen“, sagt Berry. Opytne ist nur über eine schmale unbefestigte Straße entlang der Frontlinie erreichbar. Andere Zugänge sind möglicherweise vom ukrainischen Militär vermint oder gesperrt. „Angesichts der Sicherheitsprobleme und des schlechten Wetters, das die Straße in ein einziges Schlammloch verwandelt, hatten wir Schwierigkeiten, durchzukommen. Jetzt wollen wir alle Bewohner untersuchen, die medizinische Hilfe benötigen. Sie sollen dann Medikamente für zwei Monate erhalten, für den Fall, dass wir wieder Probleme haben, das Dorf zu erreichen.“

Ärzte ohne Grenzen betreibt an 28 Standorten im Gebiet Donezk mobile Kliniken mit vier Teams aus Mariupol und Kurakhove für diejenigen Menschen, die medizinische Versorgung und psychologische Unterstützung am dringendsten benötigen. Unter den Patienten und Patientinnen sind Frauen über 50 mit chronischen Krankheiten die größte Gruppe. Wegen der besonderen Belastungssituation der Menschen führen psychologische Fachkräfte von Ärzte ohne Grenzen Einzel- und Gruppenberatungssitzungen sowie Schulungen zum psychosozialen Bedarf durch. Zudem informieren sie Betroffene, Lehrkräfte und medizinisches Personal über psychologische Bewältigungstechniken.