Syrien

Ärzte ohne Grenzen bittet Regierung erneut um Zugang zu Notleidenden

Ärzte ohne Grenzen möchte in allen Regionen in Syrien, in denen Hilfe notwendig ist, Patientinnen und Patienten versorgen - so wie diesen Jungen in der Region Idlib im Jahr 2013 (Archivbild).

Nach sieben Jahren erfolgloser Verhandlungen hat Ärzte ohne Grenzen die syrische Regierung heute erneut um Zugang zu notleidenden Menschen in allen Teilen Syriens gebeten. Aktueller Anlass ist, dass die internationale Hilfsorganisation die Bewohner von Ost-Ghuta nicht mehr versorgen kann, nachdem die syrische Regierung das Gebiet nach Jahren der Belagerung im März unter ihre Kontrolle gebracht hat. Die internationale Hilfsorganisation versucht seit 2011, in von der syrischen Regierung kontrollierten Gebieten medizinische Nothilfe zu leisten. Bislang hat diese den Zugang aber nicht gewährt. Derzeit betreibt und unterstützt Ärzte ohne Grenzen 13 Gesundheitseinrichtungen in nicht von der Regierung kontrollierten Gebieten.

„Das Ausmaß an psychischen und physischen Traumata, die die Menschen in Ost-Ghuta während der März-Offensive erlitten haben, liegt jenseits meiner Vorstellungskraft“, sagt Meinie Nicolai, Geschäftsführerin von Ärzte ohne Grenzen in Brüssel. „Die von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Gesundheitseinrichtungen haben allein in den ersten 16 Tagen der Offensive mehr als 5.600 Verwundete registriert. Schon während der Belagerung ist ein enormer Bedarf an medizinischer Versorgung entstanden, denn Menschen konnten jahrelang nicht gegen chronische Krankheiten oder Infektionskrankheiten wie Tuberkulose behandelt werden. Dieser Bedarf an medizinischer Versorgung ändert sich nicht, wenn sich Frontlinien verschieben oder die Kontrolle über bestimmte Gebiete von einer Kriegspartei auf eine andere übergeht.“

Ärzte ohne Grenzen hat medizinische Einrichtungen in Ost-Ghuta seit 2012 unterstützt. Die Organisation ist bereit, auch weiterhin für die medizinische Versorgung von Menschen in der Region zu sorgen, und bittet um eine offizielle Genehmigung, dies tun zu dürfen. Diese Anfrage bezieht sich zugleich auf alle Regionen, in denen Hilfe nötig ist und wo Zugang und Sicherheit der Mitarbeiter garantiert sind – unabhängig davon, ob sie sich unter Kontrolle der Regierung oder anderer Gruppen befinden.  

Ärzte ohne Grenzen bemüht sich seit Mai 2011 immer wieder um Zugang zu von der syrischen Regierung kontrollierten Gebieten, um dort gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium und dem syrisch-arabischen Roten Halbmond medizinische Hilfe zu leisten. Bislang ohne Erfolg. Im Jahr 2013 scheiterten Pläne für ein Projekt zu Müttergesundheit in Damaskus, weil Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen von den syrischen Behörden keine Visa bekamen. Auch 2016 wurden trotz Vereinbarungen mit syrischen Behördenvertretern über eine Arbeit von Ärzte ohne Grenzen in regierungskontrollierten Gebieten keine Visa ausgestellt. Während der Kämpfe um Ost-Aleppo Ende 2016 bot Ärzte ohne Grenzen an, medizinische Hilfsgüter einzufliegen und Verwundete in den Westen der Stadt zu bringen. Auf dieses Angebot gab es keine Reaktion. Im April dieses Jahr richtete die Organisation erneut eine formale Anfrage an das syrische Außenministerium, eine Antwort steht aus.

„Selbst wenn unser Angebot erneut abgelehnt wird, werden wir weiterhin alles tun, was wir tun können und wo wir es tun können. Denn es gibt in Syrien derzeit sehr viele Menschen, die sehr dringend medizinische Hilfe brauchen”, so Nicolai.