Syrien

„Ich wollte das Handtuch werfen. Doch meine Patient*innen gaben mich nicht auf!“

„Die letzten fünf Jahre, in denen ich mich um diese Menschen gekümmert habe, haben mich verändert.", so Mohammed Al Youssef.

Eine Atmosphäre der Angst hängt in der Luft, doch ein Arzt will seine Patient*innen nicht im Stich lassen: Der Syrer Mohammed al-Jussef hilft Menschen nach Nierentransplantationen mit großem Engagement, obwohl sich die Situation in Idlib, im Nordwesten Syriens, in den vergangenen Monaten stark verschlechtert hat. Bomben- und Granatangriffe haben sich gehäuft. Seit Kriegsbeginn 2011 ist die Versorgung der Betroffenen bereits nicht mehr gewährleistet. Mohammed al-Jussef erzählt sehr persönlich, was ihn weitermachen lässt:

„Bevor der Krieg in Syrien ausbrach, waren Menschen, die eine Nierentransplantation bekommen hatten, gut versorgt. In Krankenhäusern erhielten sie kostenlos Medikamente. Dies änderte sich jedoch 2011. In diesem Jahr wurden überall Kontrollpunkte errichtet. Die Menschen konnten aus ihren Wohnorten weder ein- noch ausreisen und der Zugang zu medizinischen Behandlungen wurde zunehmend eingeschränkt. Je nachdem, woher man kommt, riskiert man beim Passieren von Kontrollpunkten eine Gefängnisstrafe oder gar sein Leben. Ob man krank ist, spielt hier keine Rolle.

Doch die Menschen können ohne Medikamente nicht überleben. Um eine Abstoßung der transplantierten Niere zu vermeiden, müssen Patient*innen ihr Leben lang Immunsuppressiva einnehmen. Falls diese Medikamente abgesetzt werden, erleben sie Nierenversagen und sind als Folge davon auf Dialysen angewiesen. Dies bringt Schwierigkeiten mit sich: Erstens ist die Handhabung von Dialysen weniger praktisch und zweitens sind sie viel kostspieliger als Immunsuppressiva. Dialysen kosten monatlich in etwa das Dreifache. In Syrien übersteigt dies jedoch den durchschnittlichen Monatslohn und viele können sich eine Behandlung schlichtweg nicht leisten. Diejenigen, von denen ich wusste, dass sie eine Transplantation erhalten haben, kauften sich die Medikamente schließlich selbst oder baten ihre Verwandten, sie aus dem Ausland zu schicken.“

Einer der wenigen Ärzte, die Menschen nach Nierentransplantationen behandeln

„Deshalb habe ich 2014 die lokalen Gesundheitsbehörden gebeten, mir den Kontakt zu Ärzte ohne Grenzen zu ermöglichen, die damals ein ähnliches Projekt in Homs durchführten. Ich erzählte von den 22 Menschen mit Nierentransplantationen, die ich kannte und die sich ihre Medikamente nicht mehr leisten konnten. Ich ließ der Organisation die Patient*innenakten zukommen und sie willigte schließlich ein, kostenlose Behandlungen anzubieten. Das freute mich sehr. Denn bis zu jenem Moment wurden die Bedürfnisse dieser Menschen von den meisten humanitären Organisationen nicht beachtet.

Die Anzahl der Patient*innen, die ich behandelte, wuchs mit den Jahren. Vor allem durch Mundpropaganda wurden mehr Menschen mit Nierentransplantationen auf das Projekt aufmerksam und nahmen Kontakt zu mir auf. Dies zeigt, wie dringend diese Unterstützung benötigt wird. Anfangs habe ich nur 22 Patienten behandelt, dann waren es 45, dann 73 und dann fast 100. Eine andere humanitäre Organisation startete 2015 in Aleppo ein identisches Projekt und bat mich um Hilfe. So teilte ich von da an meine Zeit zwischen Ärzte ohne Grenzen und der anderen Organisation auf und beaufsichtigte die Behandlung hunderter Patient*innen im Norden Syriens.“

Diese Menschen interessieren sich nicht für den Krieg

„Die letzten fünf Jahre, in denen ich mich um diese Menschen gekümmert habe, haben mich verändert. Wenn über Syrien gesprochen wird, fallen oft Worte wie Wunden und Trauma. Fast niemand spricht über Menschen, die eine Transplantation hinter sich haben und auf lebenslange Behandlungen angewiesen sind. Die Arbeit, die ich seit 2014 mache, hat mir viel Freude bereitet. Doch ehrlich gesagt, bin ich es auch leid, in dieser schwierigen Situation zu arbeiten oder überhaupt zu leben. Irgendwann wollte ich gar das Handtuch werfen, doch meine Patient*innen gaben mich nicht auf. Sie sagten mir, dass ich weitermachen müsse, denn sie hätten niemanden sonst, auf den sie sich verlassen könnten.

Der Zustand in Idlib ist heute sehr schlecht und der Krieg noch lange nicht vorbei. Wir können nicht sagen, wie es morgen aussehen wird, denn die Lage verändert sich täglich. Was ich jedoch mit Sicherheit weiß, ist, dass ich nicht aufgeben werde, solange meine Patient*innen noch behandelt werden müssen. Ich kann sie nicht im Stich lassen und werde solange weitermachen, bis sie in Sicherheit sind. Diese Menschen interessieren sich nicht für den Krieg. Sie wollen nur ein normales Leben führen.“

Mohammed al-Jussef ist nicht nur Arzt, sondern hat 2009 selbst eine Nierentransplantation erhalten. Seine Nierentransplantation erwies sich nicht nur als Wendepunkt in seinem Leben, sondern auch in seiner Karriere. Da er eine Ausbildung zum Facharzt für Endokrinologie gemacht hatte, hatte er sich zunächst vor allem auf die Behandlung von Diabetiker*innen konzentriert. Die Transplantation und der Krieg, der zwei Jahre später in Syrien ausbrach, haben ihn dazu bewogen, sein Fachgebiet zu wechseln. Heute ist er einer der wenigen Ärzt*innen in Nordsyrien, die Menschen nach Nierentransplantationen behandeln.