Syrien

„Wir sehen Menschen, die in notdürftigen Behausungen auf der Straße schlafen“ - 30.000 neue Vertriebene um Daraa im Süden des Landes

Kinder bei der Ankunft unserer Hilfsgüter. Durch die Kämpfe rund um Daraa sind viele Familien in der Region in großer Gefahr. Viele müssen in Ruinen oder im Freien schlafen.

Kämpfe und Luftangriffe in der Stadt und der Provinz Daraa im Süden Syriens haben in den vergangenen Wochen etwa 30.000 weitere Syrer heimatlos gemacht. Viele von ihnen fliehen zum wiederholten Mal. Teams von Ärzte ohne Grenzen haben Hilfsgüter an knapp 900 Familien in Gebieten nahe der Front im Osten der umkämpften Provinzhauptstadt verteilt und unterstützen mehrere Gesundheitseinrichtungen. Dennoch sind die Menschen in höchstem Maße gefährdet, die Versorgung mit Hilfsgütern und medizinischer Hilfe ist völlig ungenügend.

„Seit Mitte Februar haben praktisch alle verbliebenen Einwohner das Zentrum von Daraa verlassen. Mindestens 25.000 bis 35.000 Menschen wurden vertrieben, vor allem durch die Kämpfe und die Luftangriffe in der Stadt und durch bewaffnete Auseinandersetzungen im nahegelegenen Jarmuk-Tal“, sagt Projektkoordinator Omar Obeid, der in den vergangenen 14 Monaten die Hilfe von Ärzte ohne Grenzen im Süden Syriens koordiniert hat. „Die meisten Menschen aus Daraa haben sich in das ländliche Gebiet südöstlich der Stadt geflüchtet. Sie haben fast nichts mitnehmen können und haben kaum Unterstützung. Wir sehen jetzt sogar Menschen, die in notdürftigen Behausungen auf der Straße schlafen, oder unter freiem Himmel auf dem Land. Zeltverschläge, die kaum dazu taugen, Familien vor dem Wetter zu schützen oder ausreichend Hygiene zu ermöglichen, sind jetzt weit verbreitet.“

Östlich von Daraa: „Die Lage ist unglaublich gefährlich für die Familien“

Teams von Ärzte ohne Grenzen haben Matratzen, Decken, Kleidung, Kochgeräte, Seife und Hygieneartikel an 839 besonders bedürftige Familien in dem Gebiet direkt östlich von Daraa sowie und dem Dorf Al Nuajma verteilt. Die Gebiete liegen in direkter Nähe zur Front. „Die Lage ist unglaublich gefährlich für die Familien“, beschreibt ein an der Verteilung beteiligter Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen. „Die Bewohner von Al Nuajma sind noch dort, weil sie keine andere Wahl haben. Sie sind arm und haben kein Geld, um ihr Dorf zu verlassen oder in andere Häuser umzuziehen. Die Vertriebenen auf dem Ackerland rund um Daraa haben noch nicht einmal feste Unterkünfte. Sie leben in Zelten, Gebäuden für Wassertanks, Brunnenhäusern oder Ruinen. Vier Fünftel aller Gebäude in der Region sind zerstört.“ Zu seiner Sicherheit will der Apotheker anonym bleiben.

„Wir hängen völlig von humanitärer Hilfe ab“, sagt Mohammed Ali Aboud, ein Bewohner von Al Nuajma, der mit 20 Mitgliedern seiner Großfamilie zusammenlebt. „Wir erhalten Milch, Mehl, Reis und Bulgur von Hilfsorganisationen. Wir bräuchten aber auch Babymilch, das jüngste Kind ist erst acht Monate alt. Es gibt keinen Strom. Meine Familie lebt in unserem alten Haus. Es hatte einst vier Zimmer, aber wurde durch die Luftangriffe zerstört. Jetzt haben wir noch einen einzigen Raum, in dem ich mit meinem Sohn lebe. Meine Frau und drei weitere Söhne wurden im Juli 2015 durch eine Fassbombe getötet. Die übrigen Familienmitglieder leben in zwei Zelten.“

Die Teams schulen und unterstützen die verbliebenen Mediziner aus der Ferne

Ärzte ohne Grenzen unterstützt nach Möglichkeit auch einige Gesundheitseinrichtungen im Süden Syriens, etwa durch eine Blutbank und technische Unterstützung. Unter den Einrichtungen befindet sich eine Klinik mit OP-Saal, Notaufnahme, Mutter-Kind-Station und stationärer Abteilung. Die Kliniken erhalten Medikamente und medizinisches Material sowie Hilfsgüter, und die Teams schulen und unterstützen die verbliebenen Mediziner aus der Ferne. Dennoch verfügen die verbliebenen Gesundheitseinrichtungen über zu wenige Mediziner, Medikamente und Material sowie Gelder, um die Mitarbeiter zu bezahlen. Zahlreiche Gesundheitseinrichtungen wurden beschossen. In allen Gesundheitsbereichen gibt es gewaltige Versorgungslücken.

Kriegsverletzte haben kaum mehr die Möglichkeit, in Syrien angemessen operiert zu werden. Im März wurden etwas mehr Verletzte über die Grenze nach Jordanien gelassen, doch ihre geringe Zahl ist weit davon entfernt, den massiven Bedarf an medizinischer Versorgung für Verwundete annähernd zu decken. In den vergangenen zwei Monaten haben es 65 Verletzte aus Syrien in die Notaufnahme des Krankenhauses in der jordanischen Grenzstadt Ramtha geschafft, 37 von ihnen wurden im chirurgischen Nothilfeprojekt von Ärzte ohne Grenzen in der Einrichtung operiert.

Verschiedene Oppositionsgruppen haben im Februar eine Offensive auf die von der Regierung gehaltenen Gebiete in der Stadt Daraa gestartet. Die syrische Armee unternahm danach eine Gegenoffensive. Gleichzeitig griffen mit dem „Islamischen Staat“ verbündete Gruppen im Südwesten der Provinz Gebiete im Jarmuk-Tal unter Kontrolle der Opposition an. Laut den UN leben etwa 200.000 Menschen in den Außenbezirken von Daraa und sind zunehmend zwischen den Kämpfen gefangen.

Ärzte ohne Grenzen bemüht sich seit Beginn des Konflikts, auf allen Seiten der Frontlinien humanitäre Hilfe zu leisten. Die Unsicherheit in weiten Teilen des Landes, die wiederholten Angriffe auf Zivilisten und medizinische Einrichtungen durch die Konfliktparteien und die fehlende Genehmigung der syrischen Regierung, in von ihr kontrollierten Gebieten Hilfe zu leisten, führen jedoch dazu, dass die Organisation im überwiegenden Teil des Landes nicht arbeiten kann. Derzeit betreibt Ärzte ohne Grenzen vier medizinische Einrichtungen im Norden des Landes selbst. Die Teams versorgen zudem aus den Nachbarländern etwa 150 medizinische Einrichtungen im ganzen Land mit medizinischem Material, fachlicher und logistischer Hilfe und verteilen punktuell Hilfsgüter.