Syrien

Idlib: Hunderttausende fliehen – medizinisches Personal in Angst

Flüchtende in der Region um Idlib werden von unseren Teams versorgt. Unsere Mitarbeiter*innen müssen sich entscheiden, ob sie mit der eigenen Familie fliehen oder bleiben, um die Menschen zu unterstützen.

Die Überlebenschancen der großen Mehrheit der rund drei Millionen Menschen im Nordwesten Syriens sinken – es gibt Hilferufe medizinischer Nothilfe-Einrichtungen. Viele der Hunderttausenden Menschen, die in der Provinz Idlib vor der Militäroffensive der syrischen Regierung und ihrer Verbündeten um ihr Leben fliehen, wurden bereits zum wiederholten Mal vertrieben. In Idlib sitzen sie zwischen einer geschlossenen türkischen Grenze und einer vorrückenden Frontlinie fest. Ein Großteil der Krankenhäuser in der Region wurde zerstört, während in diesen eigentlich viele Verletzte versorgt werden müssten. Das medizinische Personal arbeitet bis zur Erschöpfung, lebt in ständiger Angst vor Angriffen und muss entscheiden: Soll man mit der eigenen Familie fliehen oder bleiben, um Leben zu retten.  Wir berichten aus der Region Idlib, wo wir unsere Unterstützung für medizinische Einrichtungen verstärken.

Seit Dezember 2019 sind fast 390.000 Menschen vor Angriffen geflohen, 150.000 allein in den vergangenen beiden Januarwochen. „Ein Großteil der Krankenhäuser in der Region wurde getroffen und innerhalb weniger Monate teilweise oder vollständig zerstört“, sagt unser Projektkoordinator Cristian Reynders. „Konkret bedeutet das, dass je länger die Kämpfe dauern, die Chancen für die Verwundeten sinken, überhaupt Zugang zu den Gesundheitseinrichtungen zu erhalten. Wenn die Menschen für eine Behandlung weitere Wege zurücklegen müssen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie sterben oder sich ihre Verletzungen verschlimmern.“

In den vergangenen Wochen haben wir die Unterstützung für mehrere Einrichtungen in der Nähe der Frontlinien verstärkt und unter anderem vier Krankenhäusern Erste-Hilfe-Sets und Operationssets zur Verfügung gestellt. „Es gibt einen klaren Hilferuf der Einrichtungen, die erste Hilfe leisten“, sagt Cristian Reynders.

Angriffe auf Krankenhäuser, während lebensrettende Versorgung am dringendsten ist

Das Maarat-al-Numan-Krankenhaus, eines der größten Krankenhäuser im Süden der Provinz, wurde vor kurzem wegen der Bombenangriffe geschlossen. Das Zentralkrankenhaus von Idlib wurde Ende Januar von einer bewaffneten Oppositionsgruppe gestürmt und einige Stunden für militärische Zwecke besetzt. In derselben Nacht wurde das Ariha-Krankenhaus von mehreren Luftangriffen getroffen und zum Großteil zerstört. Die meisten Medikamente, Hilfsgüter und Treibstoffvorräte wurden beschädigt oder gingen verloren und auch die Apotheke wurde zerstört. Gleichzeitig wurden weiterhin Dutzende Verletzte zur Behandlung in das Krankenhaus gebracht.

Diese Übergriffe und Bombenanschläge auf Gesundheitseinrichtungen und die allgemeine Behinderung der Gesundheitsversorgung kommen zu einer Zeit, in der lebensrettende medizinische Versorgung in Idlib am dringendsten benötigt wird. Wir verurteilen die eklatanten Verletzungen des internationalen Völkerrechts durch die Zerstörung medizinischer Einrichtungen oder ihrer Nutzung für militärische Zwecke auf das Schärfste.

„Wir arbeiten in ständiger Angst, dass wir die nächsten sind, die getroffen werden“

„Die medizinische und humanitäre Situation ist katastrophal. Die Luftangriffe auf medizinische Einrichtungen in der Region finden derzeit ständig statt. Das Krankenhaus, das ich leite, steht noch immer, aber allein in den vergangenen Wochen wurden fünf Einrichtungen um uns herum teilweise oder vollständig zerstört und außer Betrieb genommen“, sagt ein Arzt, der eine der Gesundheitseinrichtungen in einer Gegend leitet, die wir kürzlich unterstützt haben.

 „Wir sind völlig überwältigt von der Zahl der Patient*innen, um die wir uns nun kümmern müssen. Das Krankenhauspersonal ist einem enormen physischen und psychischen Druck ausgesetzt. Wir arbeiten ununterbrochen, sogar bis spät in die Nacht, um all die Menschen zu operieren und zu behandeln, die zu uns kommen. Und wir sehen, wie unsere Vorräte drastisch zur Neige gehen, ohne dass wir wissen, wie oder ob wir es schaffen, neue zu bekommen. Wir arbeiten auch in ständiger Angst, dass wir die nächsten sind, die getroffen werden“.

„Alle sind auf der Straße und auf der Flucht“

„Was wir hier erleben, ist wie ein menschlicher Tsunami“, sagt der Direktor eines Krankenhauses im Norden der Provinz. „Die Menschen versuchen so schnell wie möglich in Richtung der türkischen Grenze zu fliehen. In den vergangenen Tagen konnte man Zehntausende in ihren Autos sehen. Und momentan braucht man drei Stunden, um 30 Kilometer zu fahren, weil alle auf der Straße und auf der Flucht sind. Für das medizinische Personal ist die Entscheidung noch schwieriger: Bleiben wir, um die Kranken und Verletzten zu behandeln oder fliehen wir auch? Meine Familie ist vor ein paar Tagen gegangen und ich habe entschieden vorerst zurückzubleiben. Aber seitdem habe ich nichts mehr von ihnen gehört und mache mir große Sorgen. Es fühlt sich an, als würden wir eine Reihe von unmöglichen Entscheidungen treffen müssen." 

Wir haben für die kommenden Wochen einen medizinischen Notvorrat zusammengestellt, mit dem 50 Operationen, 300 Notfälle und tausend Behandlungen unterstützt werden können. Währenddessen beobachten wir die Situation im Norden der Provinz, wo sich Zehntausende Menschen niedergelassen haben und unter furchtbaren Bedingungen leben. Wir verstärken auch weiterhin unsere Hilfe für kürzlich vertriebene Familien mit der Bereitstellung von Trinkwasser in den Camps und der Verteilung lebensnotwendiger Güter wie Decken und Heizmaterial. Aber der Bedarf ist enorm und nimmt noch zu.