Syrien

„Vertriebene in Asas sind bereits zum zweiten Mal auf der Flucht“ - Bericht

Die Geflüchteten machen sich Sorgen um ihre grundlegenden Bedürfnisse. Sie brauchen Nahrung und Wasser. Eines unserer Teams kümmert sich daher um die Verteilungen von Hilfsgütern und hat bislang rund 5.000 der neu Vertriebenen versorgt.

Kämpfe im Bezirk Asas (Provinz Aleppo) im Norden Syriens haben erneut zu Vertreibungen geführt. Seit dem 10. April mussten mehr als 35.000 Menschen aus Vertriebenenlagern fliehen, die vom so genannten Islamischen Staat übernommen wurden oder zu nah an den Frontlinien lagen. Daher haben sich inzwischen mehr als 100.000 Menschen in den Grenzregionen zur Türkei gesammelt. Ärzte ohne Grenzen betreibt im Bezirk Asas ein Krankenhaus mit 52 Betten. Muskilda Zancada, Landeskoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Syrien, berichtet über die aktuelle Situation:

Im Moment ist unsere Hauptsorge die Sicherheit der neuen Vertriebenen. Die Situation von Zehntausenden Menschen, die in den vergangenen 12 Tagen vertrieben wurden, ist sehr schwierig. An den Fronten wird weiter gekämpft und die Angst der Menschen wird größer. Gestern konnte ich mit einem Kollegen in Syrien sprechen und er berichtete, dass alle sehr ängstlich seien. Einige Frontlinien liegen nur sieben Kilometer von den Vertriebenen entfernt. Wir hoffen, dass sich die Situation stabilisiert. Aber es ist unmöglich vorherzusagen, was passieren wird, da sich die Lage in dem Gebiet sehr oft ändert.

Die Geflüchteten sind traumatisiert. Sie sagen uns, dass sie keine Hoffnung mehr für ihre Zukunft haben. Sie unternahmen alles nur Mögliche, um die sichersten Gegenden zu erreichen, doch auch dort ist es nicht wirklich sicher. Die Menschen machen sich Sorgen um ihre grundlegenden Bedürfnisse. Sie brauchen Nahrung und Wasser. Auch die Abwasserentsorgung ist ein Problem. Sie fragen sich, wie sie überleben sollen.

Team kann nur noch lebensrettende Maßnahmen durchführen

Unsere Teams in Asas arbeiten unter unglaublich schwierigen Bedingungen. Wir mussten die Hilfe in unserem Krankenhaus auf lebensnotwendige Maßnahmen für Notfälle reduzieren. Seit dem 10. April haben wir 1.200 Notbehandlungen durchgeführt. Darüber hinaus behandelten wir 25 Kriegsverletzte und halfen bei der Geburt von 16 Babys.

Unser zweites Team kümmert sich um die Verteilungen von Hilfsgütern und hat bislang rund 5.000 der neu Vertriebenen mit lebenswichtigen Gütern wie Matratzen und Decken versorgt.

Vertriebene in Asas sind nicht zum ersten Mal auf der Flucht

Die aktuellen Vertreibungen betreffen vor allem Menschen, die bereits als Vertriebene im eigenen Land lebten. In einer ersten Welle flohen Menschen, die noch Zeit hatten ihr Hab und Gut mitzunehmen. Sie trugen Zelte, Kanister und andere Hilfsgüter bei sich. Die Vertriebenen der zweiten Welle mussten schnell vor Kämpfen fliehen und konnten nichts mit sich nehmen. Diese Menschen brauchen jetzt am dringendsten Hilfe. Sie kamen aus dem Westen von Asas, wo viele seit Februar in improvisierten Unterkünften lebten, wo immer es möglich war. Jetzt werden viele Vertriebene in Städten untergebracht, in Gemeinschaftsunterkünften, in Schulen und auf Plätzen.

Die Grenze zur Türkei ist seit mehr als einem Jahr geschlossen. Nur wenige Mitarbeiter von humanitären Organisationen und Ärzte dürfen sie überqueren. Wir können Notfälle von Syrien ohne Probleme in türkische Einrichtungen überweisen.

Risiko neuer Belagerungen steigt

Sehr besorgt sind wir aber auch über die heftigen Kämpfe in Aleppo. Dort unterstützen wir medizinisches Personal, welches unter einem unvorstellbaren Druck arbeitet. Wir liefern zudem an 23 Gesundheitseinrichtungen regelmäßig medizinisches Material und Treibstoff.

Die Kämpfe erhöhen das Risiko, dass Zivilisten unter Belagerung geraten. Das besorgt uns. Es gibt nur eine Straße, die nach Aleppo hinein und hinaus führt, die nicht unter Kontrolle der syrischen Regierung ist. Wenn diese Route nicht mehr befahrbar ist, wird die Situation sehr ernst. 250.000 Menschen in den nicht-regierungsnahen Gebieten von Aleppo würden dann wahrscheinlich unter Belagerung geraten. Sie würden dann noch zu den 1,5 bis zwei Millionen Menschen hinzukommen, die in Syrien bereits heute unter Belagerung leben.

Ärzte ohne Grenzen betreibt sechs medizinische Einrichtungen im Norden Syriens und unterstützt mehr als 150 Gesundheitszentren und Krankenhäuser im ganzen Land, viele von ihnen in belagerten Gebieten. Das Krankenhaus im Bezirk Asas hat seine Kapazität seit Februar verdoppelt, nachdem Kämpfe Tausende von Binnenvertriebene in dieses Gebiet brachten.