Syrien

Wie kann es in einer solchen Lage noch Hoffnung geben? - Ein syrischer Arzt berichtet aus der Nähe von Damaskus

Die zwei letzten funktionsfähigen Rettungswagen in der Al-Marj-Nachbarschaft (Nahe Damaskus) wurden am 5. Dezember bei einem Luftangriff zerstört und können nicht mehr repariert werden. Auch zwei Autos des naheliegenden Krankenhauses, die Medizin und Personal transportierten, wurden bei dem Angriff zerstört.

Die Al-Marj Klinik ist eine der wichtigsten durch Ärzte ohne Grenzen unterstützten medizinischen Einrichtungen in Ost-Ghouta, einem Gebiet mit belagerten Städten nahe Damaskus. Es gab eine Reihe tragischer Vorfälle, so kamen bei Angriffen mehrere Mitarbeiter ums Leben. Die psychische Belastung ist immens, und dennoch will das Personal weiterarbeiten. Dr. Abu Yasser*, Arzt und medizinischer Leiter der Klinik erzählt auch von der neusten Herausforderung: Es gibt keine Krankenwagen mehr.

Gestern [Montag, 5. Dezember] gab es einen Angriff in der Nähe unserer Klinik, der unsere zwei Krankenwagen und zwei andere Autos des Krankenhauses zerstört hat. Das ist furchtbar, denn jetzt wissen wir nicht, was wir machen sollen, wenn Verwundete kommen und wir sie nicht woanders hin transportieren können.

Marj ist geographisch gesehen recht isoliert. Die Menschen dort sind Bauern. Sie essen das, was sie produzieren, und Armut ist ein großes Problem. Das Gebiet wird von den meisten medizinischen und humanitären Organisationen vernachlässigt. Wenn internationale Hilfstransporte nach Ost-Ghouta zugelassen werden, wird Marj meist übergangen.

Jede Minute zählt

Bei großen Notfällen würden wir Patienten eigentlich in eine 12 bis 15 Kilometer entfernte medizinische Einrichtung bringen, die für solche Situationen ausgerüstet ist. Nun sind wir aber ohne Krankenwagen und in Sorge vor Einlieferungen von Menschen mit schweren Verletzungen. Denn jede Minute zählt und es ist sehr gefährlich, die Patienten nicht sorgsam und korrekt zu transportieren. Wir brauchen wirklich Krankenwagen, und haben uns schon an Organisationen vor Ort gewandt, in der Hoffnung, dass sie uns helfen können. 

Sprenglöcher in den Wänden und in der Decke

Ich arbeite in der Klinik in Marj, seitdem der Krieg begonnen hat. Damals wurde ein Ausschuss von Ärzten gegründet, der die 23 Gemeinden des Gebietes abdecken sollte. Zuerst haben wir in einem staatlichen Krankenhaus gearbeitet, aber die Behörden entschlossen sich dazu, zu gehen und das Personal abzuziehen. Dann haben wir unsere aktuelle Klinik eingerichtet, die bis heute weiterhin funktioniert. Über drei Jahre hinweg wurde sie mehrmals getroffen – sie könnte sogar eine der am meisten getroffenen Kliniken hier sein. Es gibt Löcher in den Wänden und in der Decke, und für Operationen gehen wir meist in den Keller.

In zwei Jahren haben wir sieben Kollegen verloren

Vor etwa zwei Jahren kamen der Leiter der Klinik und ein weiterer Kollege ums Leben. Sie schliefen am Eingang, als eine Granate einschlug. Es war einer unserer größten Verluste, weil der Arzt richtig auf Notfälle und komplizierte Operationen spezialisiert war, das ist selten. Über einen Zeitraum von zwei Jahren haben wir sieben Kollegen verloren: Zwei Ärzte, eine Reinigungskraft, den Ausbildungsleiter und drei Krankenpfleger. Und dennoch, trotz all der Schwierigkeiten arbeiten wir weiter, weil es so wichtig für die Menschen ist, medizinisch versorgt zu werden.

Mitte 2015 gab es ein weiteres Unglück. Eines Nachts traf eine Bombe eines Helikopters die Klinik. Krankenwagen, die Apotheke und die Abteilung für Verbrennungsopfer wurden zerstört. Dank der Unterstützung von regionalen Organisationen und Ärzte ohne Grenzen konnten wir die Klinik wieder aufbauen. Heute können hier Röntgenuntersuchungen gemacht werden, es gibt ein Labor, eine Chirurgie, eine Entbindungsstation, und die Krankenwagen waren 24 Stunden am Tag einsatzbereit.

Es muss viel mehr psychologische Unterstützung geben

Im vergangenen Monat hat die Gewalt wieder zugenommen. Gebiete, die als ‚sicher‘ galten und Schutzsuchende aufnahmen, sind bombardiert und von Granaten getroffen worden. Gestern wurde eine Familie eingeliefert. Die Mutter und die Tante liegen auf der Intensivstation, die Kinder sind in der Klinik gestorben. Eines der Kinder … starb heute Morgen.

Es ist schwer, mit solchen Fällen umzugehen. Es muss viel mehr psychologische Unterstützung für die Mitarbeiter, aber auch für die Familien geben, die sehr traumatisiert sind. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das wegen schwerem Blutverlust  gestorben war. Ihre Schwester konnte nicht verstehen, dass sie tot war. Kinder erleiden Nervenzusammenbrüche, wenn sie Flugzeuge hören. Ich kann mir das Ausmaß an psychologischer Unterstützung gar nicht vorstellen, das Kinder, Erwachsene und Ärzte nach all dem hier brauchen werden. 

Trotz der Gefahr wollten alle weiterarbeiten

Das gesamte Team hat Angst vor Flugzeugen und Luftangriffen. Wir erinnern uns an jene, die schon ihr Leben lassen mussten und fragen uns, ob wir die nächsten sind. Es kommt vor, dass ich mich für eine Stunde in einem Toilettenflur verstecke, bis die Angriffe vorüber sind.

Aber trotz der Angst halten wird durch. Einmal hatten wir Versammlung, in der wir den Mitarbeitern gesagt haben, dass es völlig ok wäre, wenn sie nicht weitermachen wollten und dass wir ihnen bezahlten Urlaub ermöglichen könnten. Niemand nahm das Angebot an. Ich war erstaunt. Trotz der Gefahr wollten alle weiterarbeiten. Diese Menschen haben furchtbare Dinge gesehen, Angriffe und Massaker überlebt, und wollen dennoch weitermachen. Die meisten von ihnen sind aus dieser Region, sie haben Familie hier und sie verstehen, wie wichtig es ist, die Bevölkerung medizinisch zu versorgen.

Hoffnung inmitten der Angst

Wir haben immer noch Hoffnung. Es gibt immer Hoffnung. Aber leider lassen die Ereignisse hier nicht an ein glückliches Ende glauben. Für den Moment ist erst einmal wichtig, die medizinische Versorgung der Menschen zu gewährleisten. Sie muss weitergehen – und wir werden weiterhin versuchen, unser Bestes zu geben.

*Der Name wurde auf Wunsch des Arztes aus Sicherheitsgründen geändert.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt die syrische Klinik in Al-Marj, einer ländlichen Gegend in dem belagerten Gebiet Ost-Ghouta nahe Damaskus, seit Januar 2015. Die Organisation hilft mit technischer Beratung, medizinischem Material, sowie finanzieller und materieller Unterstützung für den Wiederaufbau nach der Zerstörung der Klinik Mitte 2015.

Die Al-Marj-Klinik behandelt durchschnittlich 500 Patienten pro Monat in der Notaufnahme. Außerdem bietet sie Entbindungshilfe und ambulante Behandlungen für mehr als 15.000 Menschen in der Region. Im November hat die Notaufnahme der Klinik 203 Kriegsverletzungen, 44 andere Verletzungen und 211 weitere medizinische Notfälle behandelt. 

Ärzte ohne Grenzen betreibt selbst sechs Kliniken im Norden Syriens und unterstützt mehr als 70 Gesundheitszentren und Krankenhäuser landesweit. Wir bieten einem Netzwerk von etwa 80 weiteren medizinischen Einrichtungen kurzfristige, medizinische Notfallspenden an. In den unterstützten Einrichtungen arbeiten keine Mitarbeiterund Mitarbeiterinnen von Ärzte ohne Grenzen.