Südsudan

„Kume hatte Glück“ - Unschuldige Opfer des Bürgerkriegs

Kume Saadi Kuony wurde mit schweren Verletzungen in das Krankenhaus in Leer, im Südsudan, gebracht, wo er von unserem Team versorgt wurde. Er hatte großes Glück und überlebte.

Der Konflikt im Südsudan hat seit seinem Ausbruch vor 15 Monaten einen hohen Zoll unter der Zivilbevölkerung gefordert. Zwar ist die Lage in Leer im Bundesstaat Unity zurzeit relativ ruhig. Doch immer noch werden Unschuldige Opfer von Blindgängern. So auch der vierzehnjährige Kume, der zu Besuch bei Verwandten war, als ein Munitionscontainer unvermittelt  in die Luft ging. Florian Westphal, der Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland, war dabei, als Kume in unserer Klinik aufgenommen wurde.

Bei einem Verwandtenbesuch suchte Kume Saadi Kuony im Schatten Schutz vor der sengenden Sonne, als das Unglück passierte. Der Junge ahnte nicht, dass der Container, der ihn vor der mittäglichen Hitze im Dorf Gayiel im Bundesstaat Unity schützen sollte, mit nicht explodierten Kampfmitteln gefüllt war, die im vergangenen Jahr nach schweren Kämpfen in dem Gebiet zurückgeblieben waren. Unvermittelt ging der Container in die Luft. Kume wurde verletzt, und die sieben Männer in seiner Nähe in den Tod gerissen. Mit schweren Verletzungen wurde Kume von den Dorfbewohnern in das von Ärzte ohne Grenzen geleitete Krankenhaus im 40 Kilometer entfernten Leer gebracht.

„Einmal mehr wurden wir mit dem sinnlosen Leid der Zivilbevölkerung konfrontiert, der Tragödie dieses Konflikts”, sagt Paul Critchley, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen im Südsudan. Bei der Explosion flogen Müll, Erde und Gras durch die Luft und brachten dem Jungen zahlreiche Verletzungen bei. „Kume hatte Wunden am ganzen Körper von den Schultern bis zu den Füßen. Am meisten aber hatten seine Beine abgekommen”, sagt Dr. Fouad Dahir, stellvertretender medizinischer Koordinator bei Ärzte ohne Grenzen. „Bei seiner Einlieferung am 19. März haben wir zunächst seine Wunden desinfiziert, versorgt und verbunden und den Jungen stabilisiert.“

Im Radio wurde vor Blindgängern gewarnt

Wie es genau zu der Explosion kam, ist schwer nachzuvollziehen. Denn Kume selbst ist zu schwach, um über das Unglück zu sprechen und alle seine Kameraden sind tot. Wahrscheinlich haben die Einheimischen das Gras um den Container herum in Brand gesteckt – eine traditionelle Methode, um Ackerland zu gewinnen. Der Container stand zwar auf Ziegelpfeilern, doch als die Flammen sich im Gras darunter ausbreiteten, könnte die Munition infolge der Hitzebildung detoniert sein. Dabei sei im örtlichen Radio immer davor gewarnt worden, Gras in Containernähe in Brand zu setzen, so Kumes Vater Yoak Saadi.

„Es ist unmöglich zu schätzen, wie viele Blindgänger noch immer in dem Gebiet sein könnten”, so Aleem Shah, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Leer. „Doch im vergangenen Jahr wurde hier schwer gekämpft. Es ist also noch mit sehr viel mehr zu rechnen.“

Auch Kliniken wurden geplündert und beschädigt

Die Gewalt hat einen hohen Zoll unter der Zivilbevölkerung gefordert, die mitunter das direkte Ziel der Kämpfe war. Mittlerweile ist es in Leer relativ ruhig, doch die Menschen leiden noch immer unter den Folgen der Kämpfe und Plünderungen, die sich hier im Februar 2014 abspielten. In dieser Zeit wurde auch die Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Leer von Kämpfenden geplündert und beschädigt.

Weil es keine andere medizinische Versorgung gibt und Lebensmittel immer knapper werden, kommen immer mehr Patienten zu Ärzte ohne Grenzen. „Jeden Tag kommen zahlreiche Patienten in das Krankenhaus, und viele von ihnen laufen meilenweit zu uns nach Leer. Es gibt keine andere medizinische Einrichtung in der Gegend“, sagt Shah. „Es gibt auch viele Fälle mittlerer und schwerer Mangelernährung, vor allem bei Kindern. Und da die Lebensmittel knapp werden, fürchten wir, dass sich die Lage noch verschlimmern könnte.“

Kume hatte Glück – viele andere nicht

Zwei Tage nach seiner Einlieferung in das Krankenhaus von Leer geht es Kume etwas besser. Sein Vater ist glücklich über die Pflege, die sein Sohn erhält, er macht sich aber Sorgen, wie es mit ihm weitergehen wird. „Heute Morgen saß der Junge im Bett und hat sogar ein wenig gesprochen“, sagt Saadi. „Aber ich mache mir Sorgen über die Zukunft, da ich keine Arbeit habe, um ihn und seine fünf Brüder und Schwestern versorgen zu können.“

„Diese Tragödie spiegelt den Alltag im Südsudan”, sagt Florian Westphal, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland. Er war gerade in Leer, als Kume in die Klinik aufgenommen wurde. „Kume hatte Glück. Denn es war ein Auto zur Stelle, das ihn 40 km in das ausgestattete Krankenhaus fahren konnte. In den meisten Fällen aber müssen die Zivilisten stunden, oder sogar tagelang laufen, um medizinisch versorgt werden zu können – wenn es überhaupt ein erreichbares Krankenhaus oder eine Station gibt. Das ist teilweise die Schuld der kämpfenden Parteien, die medizinische Einrichtungen gezielt geplündert und zerstört haben – so wie letztes Jahr in Leer.“