Südsudan

"Es gibt keine Straßen mehr – nur Wasser"

In der Region Pibor stehen die Häuser in vielen Dörfern bis unters Dach unter Wasser.

Stephen Manyang Chan watete, seinen 13-jährigen kranken Sohn auf den Armen, zwei Stunden lang durch brusthohes Wasser. Dass die beiden es mit einem solchen Kraftakt zu unserer Klinik im Bundesstaat Unity im Südsudan geschafft haben, rettet dem Jungen das Leben. Ihre Geschichte ist ein Beispiel für die Situation, der die Bevölkerung in weiten Teil des Südsudan ausgesetzt ist: Das verheerende Hochwasser hat dazu geführt, dass 800.000 Menschen weder ausreichend Nahrungsmittel noch sauberes Trinkwasser haben. Viele haben ihre Häuser verloren. Und die Wasserpegel der Flüsse steigen weiter, was die Krise verschärft. Wir helfen den Menschen in vielen Bundesstaaten des Landes in dieser schwierigen Lage mit medizinischer Versorgung.

"Es gibt keine Straßen zum Krankenhaus, nur Wasser", erzählt Stephen Manyang Chan, er ist verwitwet und Vater von fünf Kindern. 

Auch unser Krankenhaus in Lankien im Bundesstaat Jonglei durch die Wassermassen zu erreichen, ist für die Menschen aus den umliegenden Gebieten kaum möglich. "Die Landebahn des örtlichen Flughafens wurde ebenfalls überflutet, wodurch es schwieriger ist, medizinische Hilfsgüter zu liefern oder Patient*innen in andere medizinische Einrichtungen zu transportieren", erklärt unser Einsatzleiter Ibrahim Muhammad. In Gebieten, in denen das Wasser zu hoch ist, um zu Fuß gehen zu können, benutzen die Menschen behelfsmäßig Flöße aus Plastikplanen oder große Plastikwassertanks, die zu Kanus umgebaut wurden, um sich fortzubewegen – mit einer Schaufel als Ruder. Diejenigen, die zum Schutz ihrer Häuser bleiben, versuchen mit Sandsäcken oder Lehmwänden, das Wasser aufzuhalten. 

Die Versuche die Wassermassen mit Sandsäcken und Lehmmauern aufzuhalten, sind häufig aussichtslose Unterfangen.

"Wovon soll ich jetzt leben?" – Menschen verlieren ihre Existenz

"Das Wasser stieg überraschend schnell", sagte die 39-jährige Tbisa Willion. "Wir gingen, ohne daran zu denken, unsere Lebensgrundlage zu retten. Wir fanden Unterschlupf in einer Schule, aber auch diese wurde zerstört. Mit einem Kanu sind wir zu unserem Haus zurückgefahren, aber alles was wir fanden, waren ein paar Teller. Ich habe meine Hühner und Ziegen verloren – wo und wovon soll ich jetzt leben?"

Die Überschwemmungen machen die ohnehin schwierige Lage der Menschen im Südsudan noch schwieriger: Sie leben inmitten zunehmende Gewalt und Kämpfe, die Wirtschaftskrise weitet sich aus und die Ernährungsunsicherheit ist groß. Zudem werden die Verhältnisse durch die globale Covid-19-Pandemie verschärft. 

Auch unsere Klinik ist gefährdet

"Erfahrungsgemäß verbreiten sich in derartigen Katastrophensituationen Infektionserkrankungen wie Malaria oder Durchfall sehr schnell. Deshalb sind wir nun bemüht, entsprechende Vorkehrungen für die betroffenen Gebiete zu treffen“, erklärt Ibrahim Muhammad.  Das Risiko sei erhöht, da die Menschen ihre Häuser zurücklassen müssen und zumeist in überfüllten provisorischen Unterkünften unterkommen. Dort herrschen schlechte Hygienebedingungen und es fehlt an funktionierenden Sanitäreinrichtungen. 

Mangelernährung nimmt vor dem Hintergrund der Überschwemmungen ebenfalls rapide zu. Die Mitarbeiter*innen unserer mobilen Kliniken bereiten, als Ergänzung zu unserem stationären therapeutischen Ernährungszentrum in der Stadt Pibor, zusätzliche Ernährungstherapien für Kleinkinder vor. Unsere Teams verteilen hier außerdem 60.000 Liter Trinkwasser pro Tag, da die Brunnen durch die Überschwemmungen verseucht wurden. "Angesichts der weiterhin steigenden Wasserstände sind wir um die Sicherheit der Klinik in Pibor besorgt und suchen nach alternativen Standorten in höher gelegenen Gebieten außerhalb der Stadt", erklärt Ibrahim Muhammad.  

Im Großraum Pibor, einem der von den Hochwassern am schlimmsten betroffenen Gebiete, betreiben wir neben der Notfallklinik mobile Kliniken in fünf Dörfern. In den vergangenen zwei Monaten haben wir dort über 13.000 Patient*innen behandelt, darunter mehr als 5.000 Kinder unter fünf Jahren. Die Hälfte dieser Patient*innen litt an Malaria, und mehr als 160 Kinder waren an Masern erkrankt. 

Malaria ist für geschwächte Kinder sehr gefährlich und breitet sich im Notstandsgebiet schnell aus. Wir haben deshalb auch die örtlichen Gesundheitsbehörden und medizinische Organisationen dazu aufgerufen eine Masern-Impfkampagne in dem von schweren Überschwemmungen heimgesuchten Gebiet um die Stadt Pibor durchzuführen. 

Überschwemmungen, Malaria und Mangelernährung sorgen zusammen mit der Masernepidemie für eine schwere Gesundheitskrise, die besonders das Leben von Kindern gefährdet.

"Die Masern haben sich schon weit verbreitet und die Epidemie gerät außer Kontrolle", sagt Adelard Shyaka, einer unserer Ärzte in Pibor. "Das ist besonders besorgniserregend, da das gesamte Gebiet überflutet ist und ein Notstand herrscht. Wir haben die Zahl unserer Isolationsbetten immer weiter ausgeweitet, von vier auf jetzt 18. Im Moment behandeln wir 30 Kinder mit schwerem Verlauf von Masern in unserer Klinik. Die Situation wird verschärft durch weitere Krankheiten wie schwere Malaria, Lungenentzündung und ernste Mangelernährung. Zwei Kinder sind schon gestorben, und wir sind sehr besorgt, dass ohne eine schnelle Impfkampagne mehr Kinder sterben werden."