Südsudan

Gewalt und Vertreibung halten ein Jahr nach den massenhaften Ermordungen von Zivilisten an

Nach den massenhaften Ermordungen von Zivilisten im Jahr 2014 haben zehntausende Menschen in einem Vertriebenen-Lager bei Bentiu Zuflucht gesucht. Ein Ende der angespannten humanitären Situation ist nicht in Sicht. Unsere Teams leisten medizinische Versorgung vor Ort.

Ein Jahr nach den massenhaften Ermordungen von Zivilisten in der Öl-Stadt Bentiu im Südsudan, bei denen Menschen auch Zuflucht in dem Krankenhaus gesucht hatten, in dem Ärzte ohne Grenzen ein HIV/TB-Projekt hat, bleiben Gewalt und Vertreibung weiterhin bestehen. Auch der fehlende Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung und zu Lebensmitteln ist für die Menschen in den ländlichen Gebieten außerhalb der Stadt weiterhin ein Problem.

Nach den Kämpfen behandelte Ärzte ohne Grenzen mehr als 230 Menschen mit Schussverletzungen. Tausende Einwohner der Stadt flohen zu der nahegelegenen Basis der UN-Friedenstruppen. Innerhalb weniger Tage stieg die Anzahl derer, die dort Zuflucht fanden, von 6.000 auf mehr als 22.000 Menschen. Ein Jahr später ist diese Zahl nochmals angestiegen. Mehr als 53.000 Vertriebene leben auf einem Stück Land, welches nicht größer ist als 1km2. Das Areal ist von Stacheldraht umgeben und wird von UN-Truppen bewacht.

Anfangs waren die Lebensbedingungen dort aufgrund der vielen Menschen und dem Mangel an Wasser und sanitären Anlagen lebensbedrohlich. Die Situation spitzte sich in der Regenzeit weiter zu, als das Lager komplett überflutet wurde. Menschen waren gezwungen, im knietiefen Wasser und mit ihren Kindern auf dem Arm im Stehen zu schlafen. Mehrere Menschen sind ertrunken. Mit dem Beginn der Trockenzeit verbesserten sich auch die  Lebensbedingungen. Diverse Hilfsorganisationen gewährleisten eine Grundversorgung für Zehntausende Menschen, die nach wie vor auf dem Areal leben. Ärzte ohne Grenzen hat eine Zelt-Klinik errichtet, in der die Bewohner hochwertige medizinische Versorgung erhalten. Außerdem setzt sich die Organisation dafür ein, dass die Menschen vor Ort Zugang zu ausreichend sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen haben.

Menschen sollen sich sicher fühlen

Humanitäre Hilfe innerhalb einer UN-Basis zu leisten, ist eine absolute Notlösung für Ärzte ohne Grenzen. Als unabhängige, unparteiische und neutrale medizinische Hilfsorganisation muss sich Ärzte ohne Grenzen eindeutig von politischen und militärischen Akteuren abgrenzen. Unter diesen außergewöhnlichen Umständen jedoch, in denen erhöhte Anspannung und Angst herrschen, ist es wichtig, dass die Menschen dort Zugang zu medizinischer Hilfe erhalten, wo sie sich sicher fühlen.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet auch außerhalb der UN-Schutzzone, da sich der Großteil der von dem andauernden Konflikt betroffenen Menschen weiterhin verstreut in schwer zu erreichenden ländlichen Gegenden aufhält. Ärzte ohne Grenzen arbeitet in Ding Ding, Nhialdiu und in der Stadt Bentiu mit mobilen Kliniken, deren Fokus die ambulante Behandlung der Patienten und die Gesundheitsversorgung von Müttern ist. Weiterhin erkunden Mitarbeiter den Bedarf in den umliegenden Gebieten – kürzlich in Nimni (Verwaltungsbezirk Guit) und Ngop (Verwaltungsbezirk Rubkona).

Eine 28 Jahre alte Frau aus Ngop, deren stark mangelernährtes Kind von Ärzte ohne Grenzen im Februar im Krankenhaus behandelt wurde, sagte: „Die Leute haben so sehr unter den Überschwemmungen gelitten, sie haben unsere ganze Ernte zerstört. Es gibt nichts zu essen. Wenn du krank bist, gibt es keinen Ort an den du gehen kannst. Die nächste Gesundheitseinrichtung, die wir vor der Krise besucht haben, hat keine Medikamente mehr.“

Lokalen Einrichtungen fehlt medizinische Ausrüstung

Besonders in den umliegenden ländlichen Regionen hat der anhaltende Konflikt den Zugang der Menschen zu medizinischer Versorgung eingeschränkt. Lokalen Einrichtungen fehlt es häufig an Unterstützung und angemessener medizinischer Ausrüstung. Frontlinien, militärische Bewegungen und andauernder Beschuss führen dazu, dass die Menschen Angst haben, die langen Strecken zu den wenigen noch funktionierenden medizinischen Einrichtungen zurückzulegen.

Bentiu, die ehemals lebhafte Hauptstadt des Bundesstaates Unity, ist nun eine Garnisonsstadt, in der die meisten Geschäfte und Marktstände von Soldaten betrieben werden. Obwohl die Körper von Menschen, die in den Straßen lagen, inzwischen weggebracht wurden, verbleiben die Überreste der verlassenen Fahrzeuge an den Straßenrändern. Die meisten Häuser der Stadt sind bis auf die Grundmauern abgebrannt und bisher nicht wieder aufgebaut worden. Ein geschmolzene Fernbedienung oder ein einzelner metallener Bettrahmen auf verbrannter Erde geben Hinweise darauf, was einst hier stand. Das moderne Krankenhaus der Stadt, in dem Ärzte ohne Grenzen die Tuberkulose- und HIV-Versorgung gewährleistete, wurde geplündert, Fenster und Türen zerschlagen, medizinische Utensilien und Medikamente in den Räumen verstreut. Inzwischen ist das Krankenhaus von Tieren und Schädlingen befallen und wird von Ärzte ohne Grenzen nicht mehr genutzt, bis auf eine mobile Klinik mit einem Fokus auf pränatale Versorgung in einem gesäuberten Nebengebäude.

Medizinische Hilfe wird auch in Zukunft nötig bleiben

Da der Konflikt im Südsudan weitergeht, ist ein Ende der angespannten humanitären Situation in Bentiu nicht in Sicht. Anhaltende Unsicherheit, aktive Kämpfe und Beschuss sowie Gewalt gegenüber Zivilisten in der Umgebung bedeuten, dass momentan viele Vertriebene, die in der zivilen Schutzzone leben, keine andere Möglichkeit haben, als in der nächsten Zeit dort zu bleiben. Der Bedarf an Unterstützung für die Bevölkerung an den Orten, an denen sie sich sicher fühlt, wird weiter bestehen.

Zurzeit stellt Ärzte ohne Grenzen eine medizinische Versorgung für mehr als 100.000 Menschen in der Region um Bentiu zur Verfügung. Allerdings wird es auch in Zukunft in diesem Kontext eine Herausforderung sein, eine humanitäre und medizinische Versorgung zu gewährleisten.