Südsudan

"Ich sage meinen Kindern, dass wir dann sterben werden, wenn es Zeit ist zu sterben"

Einer unserer Krankenpfleger behandelt zusammen mit seiner Kollegin ein kleines Kind im Feldkrankenhaus von Aburoc. Das Krankenhaus versorgt 8.500 Vertriebene und 6.000 - 7.000 Menschen aus der Umgebung.

Vor einem Jahr brachen im Südsudan in der Region Upper Nile zwischen Truppen der Regierung und der Opposition Kämpfe aus. Viele der betroffenen Menschen flohen und ließen sich in der Nähe des Dorfes Aburoc nieder. Doch bald wird diese Gemeinschaft vor einer schwierigen Entscheidung stehen: Bleiben sie in der Gegend, wo die Lebensbedingungen hart sind, oder kehren sie in ihre alten Dörfer zurück, in denen die Spannungen anhalten?

"Ich sage meinen Kindern, dass wir dann sterben werden, wenn es Zeit ist zu sterben", sagt Ana, eine siebenfache Mutter, die vor ihrer provisorischen Hütte sitzt. "Wir sind ursprünglich aus der Stadt Malakal geflohen. Im vergangenen Jahr mussten wir wegen der Kämpfe zweimal fliehen, weil unsere Häuser zerstört wurden." Insgesamt mehr als 38.000 Menschen flohen im Mai vergangenen Jahres vor der Gewalt zwischen der Regierung und den Oppositionskräften in das Dorf Aburoc. Aber als sie ankamen, gab es dort weder Unterkünfte noch Wasser oder Essen. Außerdem kamen die militärischen Zusammenstöße immer näher.

Die ständige Flucht ist eine Tortur

In den folgenden Monaten flohen daher viele Richtung Norden. Was bleibt, ist ein Markt, ein paar Teeläden, Kirchen und sogar eine Fahrradwerkstatt. Schwer beladene Traktoren aus dem Sudan beliefern die Stände, aber es gibt nur wenig Geld im Ort, um die Waren zu kaufen. Die meisten Bewohner leben in dicht aneinander gedrängten Weidenhäusern mit alternden Plastikplanen als Dach. Die Situation in diesen Unterkünften ist für die Geflüchteten nur geringfügig besser als überhaupt kein Dach über dem Kopf zu haben.

"Diese ständige Flucht von einer Stadt in eine andere hat ihren Tribut unter der Bevölkerung gefordert. Während einige vorausschauend planen, sind andere geistig und körperlich noch immer von der Tortur des letzten Jahres erschöpft", sagt Paiva Dança, der Projektleiter für Ärzte ohne Grenzen in Aburoc. "Manche können gar nicht an die Zukunft denken. Sie werden höchstwahrscheinlich der Entscheidung der Gruppe folgen.“

Was tun, wenn das Wasser knapp wird?

Die in Aburoc verbliebenen 8.500 Menschen werden es in den kommenden Monaten nicht leichter haben. Denn zwischen Februar und Mai wird das Wasser knapp. Die humanitäre Gemeinschaft und die Behörden diskutieren immer noch über die kostspielige Möglichkeit, Wasser vom fernen Nil ins Dorf zu transportieren. „Einige der internationalen Organisationen in Aburoc kämpfen darum, die Wasserversorgung aufrecht zu erhalten. Aber man muss bedenken, dass es vor acht Monaten im Lager eine Cholera-Krise gegeben hat. Um solche Ausbrüche zu vermeiden, müssen bestimmte Mengen- und Qualitätsstandards bei den Wasserlieferungen eingehalten werde ", sagt Jaume Rado, unser Einsatzleiter im Südsudan.

"Der Frieden in dieser Region des Südsudans ist zerbrechlich", sagt Rado. "Die Vertriebenen müssen sich sicher genug fühlen, um nach Hause zurückzukehren. Bis dahin sollten sie bleiben können, wo sie sind.“ Einige humanitäre Organisationen in der Region beginnen Aburoc zu verlassen und sich um andere Notfälle zu kümmern. Doch die Menschen brauchen immer noch dringend Unterstützung.

Wir respektieren die Entscheidung der Geflüchteten

Unsere Teams haben viele dieser Menschen während ihrer traumatischen Reise begleitet. Zwei unserer Projektorte in Wau Shilluk und Kodok wurden bei Kämpfen zerstört. Daher beschlossen unsere Teams der fliehenden Bevölkerung zu folgen, um die Menschen weiterhin medizinisch versorgen zu können. In Aburoc haben wir im Februar 2017 ein kleines Feldkrankenhaus eröffnet, um die steigende Nachfrage nach medizinischer Hilfe bewältigen zu können. "Am Anfang haben wir hauptsächlich Patientinnen und Patienten mit Atemwegserkrankungen und Durchfall behandelt. Das sind Krankheiten, die entstehen, wenn die Menschen der Natur ausgeliefert sind. Wir waren sehr besorgt um Patienten, die dringend bestimmte Medikamente benötigten, wie zum Beispiel HIV-Patienten", erklärte unsere zuständige Koordinatorin Iren Lukeba Landry. Deshalb versuchen wir weiterhin für möglichst viele Geflüchtete da zu sein. "Wir werden das Recht der Menschen in Aburoc zu bleiben oder in ihre Häuser zurückzukehren mit allen Kräften unterstützen. In diesem Fall bedeutet es, medizinische und humanitäre Dienste an dem Ort anzubieten, für den sich die Gemeinschaften entscheidet ", sagt Jaume Rado. "Wir hoffen, dass andere humanitäre Organisationen dies auch tun werden."