„Für euch habe ich drei Ohren“ - Psychosoziale Hilfe für Asylsuchende in Schweinfurt

Die psychosozialen Berater sind selbst vor einiger Zeit aus Syrien, Somalia und dem Iran geflohen. Sie sprechen die Muttersprache ihrer Klienten und kennen die Situation von Asylsuchenden aus eigener Erfahrung.

Gemeinsam mit dem Krankenhaus St. Josef haben wir in Schweinfurt ein Modellprojekt zur psychosozialen Hilfe für Asylsuchende gestartet. Ein Team aus einer Psychologin und geschulten Laienberatern aus dem Kulturkreis der Geflüchteten hilft den Bewohnern der Erstaufnahmeeinrichtung seit März, mit psychischen Belastungen umzugehen.

Ein heißer Mittwochnachmittag in einem Dachgeschosszimmer der ehemaligen „Ledward Barracks“ in Schweinfurt, einst einer der größten Standorte der US-Armee in Deutschland, jetzt eine Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Bayern. Sieben junge Männer aus Afghanistan sitzen im Kreis vor einer Schautafel. In einfachen Bildern sind dort explodierende Bomben in einem Kriegsgebiet aufgezeichnet; eine Familie, die einen Angehörigen zu Grabe trägt; Vertreibung, Arbeitslosigkeit, Zukunftsangst. Auf Dari fragt Parisa Zare Moayedi, die Leiterin der Gruppensitzung zum Thema „Umgang mit Stress“, welche der Bilder auf die jungen Asylsuchenden zutreffen.

„Wir kennen das alles“, sagt ein junger Mann, dessen rechter Fuß ständig nervös auf und ab zuckt. Ein anderer erzählt, er sei in ständiger Unruhe, habe Angst, nach Kabul abgeschoben zu werden. Ein dritter leidet darunter, zum Nichtstun im Heim verdammt zu sein: „Ich kann nur immer Fußball schauen, Fußball spielen, Spazierengehen. Mehr gibt es nicht zu tun.“ Salah Al Hamada, der zweite psychosoziale Laienberater, kennt diese Situation. Er kam vor drei Jahren selbst als Flüchtling in Deutschland an. „Wir wissen, dass die Zeit in der Erstaufnahmeeinrichtung nicht leicht ist“, hat er zu Beginn der Gruppensitzung gesagt. „Wir haben diese Situation auch erlebt. Deshalb wollen wir mit euch darüber reden, wie man mit diesen Problemen umgehen kann.“

Modellprojekt mit Laienberatern

Parisa Zare Moayedi und Salah Al Hamada sind psychosoziale Laienberater im Modellprojekt „Niederschwellige psychosoziale Hilfen für Geflüchtete“ in Schweinfurt. Es wird von Ärzte ohne Grenzen und dem Krankenhaus „St. Josef“ gemeinsam durchgeführt. „Als im Jahr 2015 knapp eine Million Flüchtlinge nach Deutschland kamen, hat Ärzte ohne Grenzen zum ersten Mal auch hierzulande an einigen Orten sondiert, ob es Lücken in der Gesundheitsversorgung gibt“, erklärt die Projektleiterin Henrike Zellmann. „Unser Eindruck war, dass die Asylsuchenden gerade im Bereich der mentalen Gesundheit große Bedürfnisse haben, um die sich niemand ausreichend kümmert. In den medizinischen Programmen von Ärzte ohne Grenzen mit Flüchtlingen weltweit sind psychosoziale Hilfsangebote ein fester Bestandteil. Deshalb wollten wir nach diesem Muster ein Modellprojekt starten, das dann von Organisationen in Deutschland übernommen werden kann.“

Das Besondere an dieser Form der niederschwelligen Hilfe: Die Asylsuchenden werden durch speziell geschulte Laienberater, die selbst vor einiger Zeit geflohen sind, in ihrer eigenen Sprache betreut. Die Laienberater sind beim Krankenhaus St. Josef fest angestellt. Henrike Zellmann ist als klinische Psychologin für Supervision und Schulung der psychosozialen Laienberater zuständig.

„Wenn ich meine Geschichte einem Deutschen erzähle, versteht er mich nicht gut“

Salah Al Hamada war Englischlehrer in Aleppo, als 2011 der Bürgerkrieg ausbrach. Mit Frau und Kindern floh er zuerst in den Norden Syriens, dann alleine in die Türkei. Weil er dort keine Arbeit finden konnte, floh die Familie weiter nach Deutschland: „Ich habe die Situation, in der die Menschen jetzt sind, selbst erlebt. Ich habe damals auch vor lauter Stress manchmal meine Kinder nicht gut behandelt.“

In der Erstaufnahmeeinrichtung in Schweinfurt berät Al Hamada auf Arabisch, vor allem Syrer und Algerier. Er beobachtet, dass es den Asylsuchenden leichter fällt, sich ihm zu öffnen, weil er ihre Sprache spricht und die Situation in ihren Heimatländern kennt: „Sie sagen: Wenn ich meine Geschichte einem Deutschen erzähle, versteht er mich nicht gut. Aber wenn ich sie dir erzähle, dann kannst du verstehen, was ich durchgemacht habe.“ Gleichzeitig weiß er, dass er nur eingeschränkt helfen kann: „Wir können unseren Klienten ihre Probleme nicht nehmen, aber wir können ihnen helfen, dass sie damit besser umgehen. Wir versuchen, sie zu motivieren und ihre inneren Ressourcen zu stärken. Manchmal sind wir für sie wie ein Vorbild. Sie sehen: Da ist jemand, der ist wie ich hier hergekommen. Er hat Deutsch gelernt und lebt ein normales Leben.“

Nach vorne schauen trotz traumatischer Erfahrungen

Parisa Zare Moayedi war 10 Jahre lang Sozialarbeiterin in iranischen Gefängnissen, bevor sie aus politischen Gründen nach Deutschland floh. In Schweinfurt berät sie vor allem afghanische Asylsuchende auf Dari. „Ich spreche mit vielen jungen Männern ohne Familie. In ihnen ist oft eine große Traurigkeit, sie haben ihre Familie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Viele berichten, dass sie Probleme mit den Taliban hatten, ein Mann war von den Taliban zehn Jahre ins Gefängnis geworfen worden. Oft haben sie auch schlimme Erfahrungen auf dem Fluchtweg gemacht. Einer hat mir erzählt: ´Bei der Überfahrt über das Meer sind zwei Flüchtlinge, die mit uns im Boot waren, ertrunken. Wir waren auf offener See und konnten ihnen nicht helfen. Ich mache mir Vorwürfe deswegen.`"

Die Probleme wirken nun in Deutschland nach: „Viele können nicht schlafen. Sie haben Angst vor der Zukunft, vor allem vor einer Abschiebung. Viele ziehen sich stark zurück. Manche zittern bei den Beratungsgesprächen: Oft zittert der Mund, manchmal die Augenlider. Ich lasse ihnen dann Zeit und sage: ´Es ist kein Problem. Wenn du ruhig bist, beginnen wir mit dem Gespräch.` Ich zeige ihnen, dass ich da bin, um ihnen zuzuhören: ´Für euch habe ich drei Ohren.` Darüber haben wir während der Schulung gesprochen. Das ´dritte Ohr` bedeutet: Damit höre ich, was das dahinterstehende Bedürfnis meiner Klienten ist, wenn sie sprechen. Ich höre nicht nur, was sie mir sagen, sondern höre auch heraus, wie sie mir implizit mitteilen: Ich brauche jemanden, der zuhört. Sie haben ein Bedürfnis nach Akzeptanz.“

Angst vor der Abschiebung

Das größte Problem für die Afghanen ist die Angst vor der Abschiebung. „Ich bin oft traurig, wenn ich an meine Klienten aus Afghanistan denke“, so Zare Moayedi. „Ich versuche, sie trotzdem zu motivieren. Ich komme oft schon eine halbe Stunde vor meinem Dienstbeginn und klopfe vorsichtig an ihre Türen, um zu schauen, ob sie noch da sind: ´Schläfst du? Gehst du nicht zum Deutschkurs?` Manchmal fragt mich einer: ´Warum soll ich Deutsch lernen? Sie schicken mich sowieso zurück nach Afghanistan!` Ich sage dann: ´Lerne trotzdem deutsch! Selbst wenn du zurückmusst, kannst du vielleicht etwas damit anfangen, zum Beispiel Unterricht geben. Du musst etwas aus dir machen!` Ich erzähle dann von mir.“

Parisa Zare Moayedi hat nach wenigen Monaten in Deutschland ihren B1-Sprachtest fehlerfrei bestanden. Durch ihr großes Engagement schaffte sie es, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten und die Stelle als psychosoziale Laienberaterin zu bekommen. „Ich möchte vor allem die afghanischen Frauen ermutigen, selbstständig zu werden.“

Traumatische Flucht durch die Wüste und über das Meer

Abdifatah Hussen Mohamed aus Somalia ist der dritte Laienberater in dem Projekt in Schweinfurt. Er war vor seiner Flucht Journalist beim bekannten Radiosender „Shabelle“ in Mogadischu, auf dessen Mitarbeiter die radikalislamischen Al-Shabab-Milizen zahlreiche Anschläge verübt haben. In Schweinfurt betreut er vor allem Somalier, die vor dem Bürgerkrieg geflohen sind und die eine entsetzliche Flucht durch die Sahara, durch Libyen und über das Mittelmeer hinter sich haben: „Ich habe hier viele schlimme Geschichten gehört. Ich habe oft erlebt, dass Frauen während des Beratungsgesprächs anfangen zu weinen. Ich bin mir sicher: Fast alle Somalier, die eine solche Flucht hinter sich haben, haben psychische Probleme. Aber es ist schwierig, sie davon zu überzeugen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. In Somalia glaubt man: Zum Psychologen gehen nur Verrückte.“ Doch immer wieder merkt er auch, dass die Klienten die Gespräche schätzen: „Einmal kam eine Frau zu mir, deren Tochter gestorben war. Sie hatte alles verloren. Ich fühlte, dass sie sehr allein ist. Als sie bei mir im Beratungszimmer saß, wurde sie plötzlich still und sagte: ´Das ist das erste Mal seit Wochen, dass mir jemand einen Tee angeboten hat.`"

Manche sprechen von Selbstmord

Immer wieder kommen die psychosozialen Laienberater an den Punkt, an dem professionelle Hilfe nötig ist. In den Schulungen haben sie genau gelernt, wann sie unbedingt die Psychologin einschalten müssen. „Ich habe es zweimal erlebt, dass mir Klienten gesagt haben: ´Ich will mich umbringen.` Natürlich ist das ein Schock. Ich habe sofort Frau Zellmann eingeschaltet“, erzählt Mohamed. „Einmal hat ein Mann aus Somalia den Bescheid bekommen, dass er nach Italien abgeschoben wird. Er hat daraufhin Tabletten genommen – Gott sei Dank haben es seine Freunde rechtzeitig bemerkt. Er wurde in die geschlossene Abteilung des Bezirkskrankenhauses eingeliefert. Ich habe ihn dorthin begleitet und am ersten Tag alles übersetzt. Wir betreuen ihn dann auch weiter, wenn er wieder entlassen wird.“

Immer wieder hat Mohamed aber auch positive Erlebnisse: „Erst neulich habe ich eine Gruppe Somalier auf der Straße getroffen, die an einem Kurs zum Umgang mit Stress teilgenommen hatten. Sie haben mir gesagt: ´Du hast uns motiviert! Vor dem Kurs sind wir den ganzen Tag im Zimmer gesessen. Aber dann haben wir begriffen, dass wir unsere Zeit nutzen müssen. Jetzt gehen wir alle zur Berufsschule.`"

Ein Augenblick Stille

In der Gruppensitzung im Dachgeschosszimmer besprechen die jungen Afghanen mit den psychosozialen Laienberatern, was sie tun können, um den Stress abzubauen, den sie empfinden. Sie diskutieren: Was kann ich ändern, was muss ich akzeptieren? Am Ende machen die Berater mit ihnen eine Atemübung. Die jungen Männer schließen die Augen, konzentrieren sich ganz auf sich selbst.

Für einen Moment ist alles still – zum ersten Mal an diesem Tag, vielleicht zum ersten Mal seit langem. Auch der junge Mann, der nicht weiß, wie er zur Ruhe kommen kann, ist jetzt still. Nur sein rechter Fuß zuckt weiterhin auf und ab, wie eine ständige Erinnerung an etwas, das ihn nicht loslässt.

Seit März 2017 bietet ein Team des Krankenhauses „St. Josef“ und von Ärzte ohne Grenzen den Asylsuchenden in der Erstaufnahmeeinrichtung Schweinfurt und in einer Gemeinschaftsunterkunft psychosoziale Hilfe an. Neben Einzelgesprächen werden ihnen Gruppensitzungen zum Beispiel zum Thema „Umgang mit Stress“ angeboten.