Äthiopien

Schlangenbisse töten 100.000 Menschen jährlich – jetzt ist der Moment, dies zu ändern!

In unserem Krankenhaus in Paoua in der Zentralafrikanischen Republik behandeln wir Patienten mit Schlangenbissen wie diesen Jungen. Es muss dringend mehr gegen Schlangenbisse getan werden, die weiterhin als vernachlässite Krankheit gelten.

Jedes Jahr sterben weltweit mehr als 100.000 Menschen an den Folgen von Schlangenbissen. Rund 400.000 Menschen bleiben nach einem Schlangenbiss dauerhaft entstellt und beeinträchtigt. Das sind mehr als bei jeder anderen vernachlässigten Krankheit. Teams von Ärzte ohne Grenzen behandeln in Projekten in Äthiopien, der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan oder im Jemen jedes Jahr mehrere Tausend Patientinnen und Patienten gegen die Folgen von Schlangenbissen.

Nach einem Schlangenbiss erhalten Betroffene oftmals keine wirksame Behandlung. Vor allem in den stark betroffenen ländlichen Regionen mit niedrigem Einkommen können sich die Menschen das teure Gegengift, auch Antivenin genannt, nicht leisten. Außerdem ist es oftmals sehr schwierig, überhaupt an wirksame Gegengifte zu gelangen. So werden in einigen Fällen Produkte weiter vermarktet, obwohl sie sich als nur wenig wirksam herausgestellt haben und fatale Nebenwirkungen auslösen können. Im Fall des Präparats „Fav-Afrique“, wurde die Herstellung gestoppt, obwohl es gegen die zehn wichtigsten in Afrika vorkommenden Schlangengifte wirkt. Das Pharmaunternehmen Sanofi argumentierte, dass die Produktion komplex und nicht ausreichend profitabel sei.

WHO macht wichtige Schritte

Vergangenes Jahr hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Schlangenbisse endlich auf die Liste der vernachlässigten Tropenkrankheiten gesetzt. Ende Januar sollen bei einem Treffen der WHO in Genf konkrete Maßnahmen entworfen werden, um den Zugang zu sowie die Forschung an effektiven und hochqualitativen Gegengiften zu verbessern. Wird diese Resolution verabschiedet, kann im Mai die Generalversammlung aller WHO-Mitgliedstaaten über sie abstimmen.

Jetzt liegt es also an den Mitgliedsstaaten zu handeln. Wir fordern von ihnen:

1. Besseren Zugang zu qualitativ hochwertigen Antiveninen

Gegengifte müssen einer besseren Qualitätskontrolle durch die WHO unterworfen werden. 2015 hat die WHO mit finanzieller Unterstützung von Ärzte ohne Grenzen bereits damit begonnen, für Sub-Sahara-Afrika bestimmte Antivenine zu bewerten. Hierfür muss nun eine nachhaltige Finanzierung bereitgestellt werden. Darüber hinaus fordern wir jeden Mitgliedstaat auf, seine Beschaffungspolitik an die Empfehlungen der WHO anzupassen und Produkte, die nicht von der WHO aufgeführt sind, auslaufen zu lassen.

2. Betroffene von Schlangenbisse sollten Behandlung nicht (komplett) selbst zahlen müssen

Die extrem hohen Preise für Gegengifte dürfen nicht der Grund dafür sein, das Menschen sterben. Es muss schnellstens an der Entwicklung eines internationalen Finanzierungsmechanismus gearbeitet werden, um erschwingliche, hochqualitative Gegengifte verfügbar zu machen. Die Beschaffung von und Versorgung mit lebenswichtigen Arzneimitteln sollte von den Mitgliedstaaten der WHO und wenn nötig von internationalen Gebern subventioniert werden. Nur so können sie Patientinnen und Patienten kostenlos oder zu einem erschwinglichen Preis zur Verfügung stehen.

3. Mehr Forschung und Entwicklung (F&E) von erschwinglichen, qualitativ hochwertigen Behandlungs- und Diagnoseinstrumenten

Es muss eine Priorität für die internationalen Geber für Forschung und Entwicklung im Gesundheitswesen sein, die Entwicklung neuer und besserer Methoden zur Diagnose und Behandlung voranzutreiben.

4. Bessere Ausbildung von Fachkräften sowie Sensibilisierung der Bevölkerung

Alle Mitgliedstaaten, die stark durch Schlangenbisse betroffen sind, sollten spezielle Kurse zu diesem Thema in ihre medizinischen und paramedizinischen Lehrpläne aufnehmen. Gleichzeitig muss die Bevölkerung über Prävention von und Erste Hilfe bei Schlangenbissen aufgeklärt werden.

5. Mehr epidemiologischen Daten über Schlangenbisse

Es müssen epidemiologische Studien durchgeführt werden, um die tatsächliche Inzidenz und Verbreitung von Schlangenbissen zu untersuchen. Darüber hinaus fordern wir die WHO und ihre Mitgliedstaaten auf, den Anteil der Betroffenen abzuschätzen, die derzeit eine angemessene Versorgung und Behandlung erhalten. Nur so können geeignete Ziele für eine Behandlung vereinbart werden.

6. Bereitstellung angemessener Finanzmittel für die globale Reaktion auf Schlangenbisse

Ärzte ohne Grenzen fordert die Mitgliedstaaten und Geber nachdrücklich dazu auf, die Gelder zur Bekämpfung von Schlangenbissen entsprechend des WHO Fahrplans aufzustocken.

Lesen Sie dazu auch das Statement von Marco Alves von der Medikamentenkampagne: "Schlangenbisse: WHO-Mitgliedsstaaten müssen sich für bessere Behandlung einsetzen"