Jahrespressekonferenz

EU nimmt Leid von Geflüchteten bewusst in Kauf - Dramatische Krise im Jemen hält an

v.l. Geschäftsführer Florian Westphal und Vorstandsvorsitzender Volker Westerbarkey bei der Jahrespressekonferenz von Ärzte ohne Grenzen 2018

Berlin, 12. Juni 2018. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und der Europäischen Union scharf kritisiert. „Um weitere Menschen von einer Flucht nach Europa abzuhalten, wird menschliches Leid vor unserer Haustür bewusst in Kauf genommen“, sagte Florian Westphal, Geschäftsführer der deutschen Sektion, am Dienstag bei der Vorstellung des Jahresberichtes 2017 in Berlin. „Auf dem Mittelmeer sitzen gerade 629 aus Seenot Gerettete auf dem Rettungsschiff „Aquarius“ fest, darunter Schwangere, Menschen mit Verätzungen und Unterkühlung und 123 unbegleitete Minderjährige. Währenddessen streiten EU-Staaten darüber, wo diese Menschen von Bord gehen dürfen.“ Westphal hat vor Kurzem das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos besucht. „Statt menschliches Leid zu lindern, macht die EU-Flüchtlingspolitik die Menschen dort physisch und psychisch krank“, sagte er. „Das ist eine moralische Bankrotterklärung für die EU.“

Das Lager Moria ist ausgelegt für 3.000 Menschen, derzeit leben dort jedoch mehr als 7.400. „Moria ist heillos überbelegt“, so Westphal. „Die Lebensumstände und die Hoffnungslosigkeit machen die Menschen krank. Die Asylprozesse dauern viel zu lang, und die Verfahren sind für die meisten Geflüchteten vollkommen intransparent. Sie stecken seit Monaten oder sogar Jahren in Moria fest. Die meisten kommen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan, und viele haben Anspruch auf besonderen Schutz. Europa und die Bundesregierung müssen die Lebensbedingungen der Menschen auf den griechischen Inseln verbessern und dafür sorgen, dass besonders Schutzbedürftige schnell auf das griechische Festland weiterreisen dürfen. Asylverfahren müssen verbessert werden. Menschen müssen auf sicheren und legalen Wegen nach Europa kommen können und hier Schutz suchen dürfen.“

Der Vorstandsvorsitzende von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, Volker Westerbarkey, machte auf die katastrophale Situation der Menschen im Jemen aufmerksam. Der Einsatz in dem kriegszerstörten Land war 2017 einer der größten der Organisation weltweit. Die Menschen brauchen dringend noch mehr Hilfe. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen, es fehlt an Nahrung und sauberem Wasser. „Die offensichtlichsten Opfer der seit Jahren andauernden Gewalt sind Menschen, die von Schüssen, Granaten, Minen und bei Luftangriffen verletzt wurden“, sagte Westerbarkey. „Doch auch die grundlegende Gesundheitsversorgung ist so gut wie weggefallen, sowie medizinische Hilfe für chronisch Kranke, Schwangere und Kinder.“ Viele Kinder sind akut mangelernährt als Folge von Krankheiten, die vermieden werden könnten. Ohne die notwendigen Impfungen kommen längst überwunden geglaubte Erkrankungen zurück, wie im vergangenen Jahr die Diphterie in 15 von 20 Provinzen. Es gab Dutzende Tote, vor allem Kinder. Den letzten Diphterie-Fall hatte es zuvor 1992 gegeben.

Ärzte ohne Grenzen leistete im Jahr 2017 in rund 70 Ländern weltweit Nothilfe. Die deutsche Sektion finanzierte mit 136 Mio. Euro Projekte in mehr als 40 Einsatzländern. Die Gesamtausgaben von Ärzte ohne Grenzen Deutschland lagen bei 154,6 Mio. Euro, die Gesamteinnahmen bei 153,6 Mio. Euro. Aus privaten Spenden und Zuwendungen stammten 147,7 Mio. Euro. Das waren 14,9 Mio. Euro mehr als im Vorjahr.

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