Zugang zu Medikamenten: Fünf Jahre nach Doha steigen die Preise weiter - Länder müssen die Möglichkeiten des TRIPS-Abkommens stärker nutzen

Genf/Berlin, 14. November 2006. Die Preise für Medikamente steigen weiter. Darauf macht die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen fünf Jahre nach der historischen Unterzeichnung der Doha-Erklärung zum TRIPS-Abkommen und zur öffentlichen Gesundheit auf der WTO-Ministerkonferenz 2001 in Doha, Katar, aufmerksam. Um die Medikamentenpreise zu senken, müssen Staaten die Möglichkeiten von TRIPS(1), die in der Doha-Erklärung festgeschrieben sind, stärker anwenden. Ihr Ziel ist es, "die öffentliche Gesundheit zu schützen und (...) den Zugang zu Arzneimitteln für alle Menschen zu fördern."

Bei HIV/Aids wird der Trend sehr deutlich: Der starke Wettbewerb unter Generikaherstellern von Aids-Medikamenten der ersten Therapielinie hat seit dem Jahr 2000 dazu geführt, dass die Preise von 10.000 Dollar auf etwa 130 Dollar pro Patient und Jahr gesunken sind. Die Preise für Medikamente der zweiten Linie, die Patienten benötigen, die Resistenzen entwickeln, sind weiterhin hoch. Dies ist eine Folge von Patentbestimmungen in Ländern wie Indien, die wichtige Generika produzieren.

"Es ist an der Zeit, erneut darüber nachzudenken, wie neue Medikamente entwickelt und bezahlt werden. Das gegenwärtige System, das sich auf Patente und hohe Preise stützt, um Innovationen zu bezahlen, führt zu Engpässen und vernachlässigt enorme gesundheitliche Bedürfnisse", erklärte Ellen ´t Hoen von der Medikamentenkampagne. "Die im Dezember anstehenden Gespräche bei der WHO über einen Aktionsplan und Rahmen für wichtige gesundheitliche Forschung und Entwicklung bieten eine gute Gelegenheit, diesen Prozess zu beginnen."

Der Bericht, den die WHO-Kommission für die Rechte an geistigem Eigentum, Innovationen und öffentlicher Gesundheit im April veröffentlichte, kommt zu der Schlussfolgerung, dass der Schutz geistigen Eigentums nicht zu mehr Innovationen und einem verbesserten Zugang zu medizinischer Behandlung für Menschen in armen Ländern geführt hat - obwohl dies oft behauptet wird.

"Wir spüren in unseren Projekten die Auswirkungen der höheren Medikamentenpreise auf unser Budget sehr deutlich", sagte Tido von Schön-Angerer, Leiter der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. "Viele Länder nutzen die Doha-Erklärung und importieren Medikamente. Aber was passiert, wenn es bald keine Generika mehr gibt? Länder, in denen Generika hergestellt werden, müssen Schritte unternehmen, um die Produktion neuer Nachahmermedikamente zu erlauben. Sonst sind wir dort, wo wir angefangen haben: Die Behandlung wird wieder unerschwinglich sein."

In Südafrika beispielsweise bietet Ärzte ohne Grenzen seit fünf Jahren antiretrovirale Therapie für Menschen mit HIV/Aids an. Die Kosten für Medikamente der zweiten Therapielinie sind dort etwa zehn Mal so hoch wie die Preise für Arzneimittel der ersten Linie. Neuere Medikamente, die auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen werden, können in manchen Ländern sogar 50 Mal so teuer sein, wenn sie überhaupt erhältlich sind. Diese Arzneimittel werden solange unerschwinglich bleiben, bis der Wettbewerb unter Generikaherstellern die Preise senkt.

Weitere Informationen: Pressestelle, Svenja Kühnel, Matthias Bertsch, Tel.: 030-22 33 77 00