Wichtiges Aidsmedikament nur in wenigen Entwicklungsländern erhältlich - Ärzte ohne Grenzen: Hersteller Gilead löst Versprechungen nicht ein

Berlin/Denver, 8. Februar 2006. Neuere Medikamente zur Behandlung von HIV/Aids erreichen nach wie vor die Menschen in ärmeren Ländern nicht. Dies kritisiert die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen anlässlich der 13. Konferenz zu Retroviren und Opportunistischen Erkrankungen (CROI), die derzeit in Denver (USA) stattfindet. So ist beispielsweise der in Industrieländern gängige antiretrovirale Wirkstoff Tenofovir der Pharmafirma Gilead nur in wenigen ärmeren Ländern erhältlich. Und dies, obwohl das Pharmaunternehmen bereits im Jahr 2002 ein Programm für einen besseren Zugang zu Tenofovir in Entwicklungsländern angekündigt hatte.

Vor mehr als vier Jahren wurde Tenofovir* in den USA zugelassen. Es wird sowohl Patienten verschrieben, die zum ersten Mal mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden, als auch solchen, die nach mehreren Jahren Therapie das Medikament wechseln müssen. Tenofovir hat weniger Nebenwirkungen als ältere antiretrovirale Medikamente.

Die Firma Gilead ist der einzige Hersteller von Tenofovir, es gibt derzeit noch keine Nachahmerpräparate. Bei der Behandlung von HIV/Aids sind Ärzte und Patienten darauf angewiesen, dass Gilead das dringend benötigte Medikament in möglichst vielen Ländern anbietet. Im Dezember 2002 hatte das Unternehmen angekündigt, Tenofovir in einem speziellen Programm in anfänglich 68 und später in 97 Entwicklungsländern zu verkaufen. Doch mehr als drei Jahre später ist Tenofovir in nur sechs dieser Länder zur Behandlung registriert: Auf den Bahamas, in Gambia, Kenia, Ruanda, Sambia und Uganda. Das Unternehmen hat es versäumt, die Marktfreigabe in anderen Ländern zu beantragen, oder andere Lösungen zu suchen, damit das Medikament den Patienten zur Verfügung steht.

"Gilead zeigt Ärzten und Aktionären stolz, wie effektiv Tenofovir bei der Aidsbehandlung ist. Doch außer Pressemitteilungen und leeren Versprechen hat die Firma kaum etwas dafür unternommen, dass das Medikament denen zur Verfügung steht, die es in Entwicklungsländern am dringendsten benötigen," sagt Alexandra Calmy, die als Aidsspezialistin der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen an der Konferenz in Denver teilnimmt.

In Südafrika stellte Gilead den Antrag auf Registrierung erst im November 2005. Angesichts des üblichen Bewilligungszeitraumes für Medikamente in Südafrika ist es sehr unwahrscheinlich, dass das Medikament den Patienten vor 2007 zur Verfügung steht. Um Patienten in Südafrika dennoch mit Tenofovir behandeln zu können, bestellen die Teams von Ärzte ohne Grenzen das Mittel in einer aufwändigen Prozedur: Sie müssen den Namen jedes einzelnen Patienten angeben, der das Medikament benötigt. Dann können sie es dank einer Ausnahmeregel im südafrikanischen Recht direkt von Gilead in Kalifornien nach Südafrika einführen.

Ärzte ohne Grenzen fordert Gilead auf, die gemachten Versprechungen einzuhalten und dafür zu sorgen, dass Patienten die Medikamente erhalten, die sie zum Überleben brauchen. Die Organisation behandelt derzeit fasst 60.000 Patienten in 29 Ländern mit antiretroviralen Medikamenten.

*Markenname: Viread® (Tenofovir Disoproxil Fumarat)
Weitere Informationen: Pressestelle, Kattrin Lempp, Christiane Löll, Tel: 030 / 22 33 77 00