Welt-Aids-Tag: Neun von zehn Kindern wird eine HIV/Aids-Behandlung vorenthalten - Ärzte ohne Grenzen fordert massive Ausweitung der Therapie von Kindern

Genf/Berlin, 28. November 2008. Geschätzte 1,9 Millionen Kinder benötigen heute antiretrovirale Medikamente gegen HIV/Aids, aber nur 200.000 bekommen diese lebensnotwendigen Medikamente. Besonders dramatisch ist die Lage für Kleinkinder. Mehr als die Hälfte von ihnen wird vor ihrem zweiten Geburtstag sterben, wenn sie keine antiretroviralen Medikamente erhalten. Ärzte ohne Grenzen ruft Regierungen und Geldgeber auf, die Nutzung von Kombinationspräparaten für Kinder massiv voranzutreiben. Diese Präparate enthalten alle benötigten Wirkstoffe in kindgerechten Dosierungen in einer Tablette.

"Erst mit der Einführung der Kombinationstabletten wurde es für uns möglich, die Zahl der antiretroviral behandelten Kinder in unseren Projekten massiv zu erhöhen", sagte Dr. Tido von Schön-Angerer, Direktor der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen in Genf. "Wir haben gezeigt, dass eine HIV/Aids-Behandlung für Kinder möglich ist. Regierungen und Geldgeber müssen sich jetzt ehrgeizige Ziele setzen und aufhören, die Mehrheit der Kinder mit HIV/Aids ihrem Schicksal zu überlassen."

In wohlhabenden Ländern kann die Mutter-Kind-Übertragung des HI-Virus durch die Kombination von Kaiserschnitt und medikamentöser Therapie erfolgreich verhindert werden, so dass es nur wenige infizierte Kinder gibt. Deshalb ist HIV/Aids bei Kindern vor allem ein Problem ärmerer Länder. Dies führt dazu, dass es für die Pharma-Unternehmen kaum einen finanziellen Anreiz gibt, spezielle Produkte zur Diagnose und Behandlung von Kindern zu entwickeln. Kindgerechte Versionen antiretroviraler Medikamente kommen viel später auf den Markt als Erwachsenen-Präparate und sind oft teurer als diese.

"Wir können heute HIV/Aids behandeln, aber wir brauchen auch Medikamente und Diagnostik für die speziellen Bedürfnisse von Kindern. Die meisten der lebensrettenden Medikamente gibt es nur für Erwachsene. Das muss geändert werden", sagte von Schön-Angerer. "Arzneimittelkonzerne sollten sich verpflichten, leicht einnehmbare Varianten ihrer HIV/Aids-Medikamente zu entwickeln und zu testen."

Der Mangel an einfachen HIV/Aids-Tests speziell für Kinder verhindert den Zugang zur HIV-Behandlung, da die Diagnose der Infektion die Voraussetzung für den Beginn der Behandlung ist. Derzeit bleibt ein komplizierter Test, der den Transport von Blutproben zu hochentwickelten Laboren erfordert, die einzige Option, Kinder zu diagnostizieren. Während der vergangenen fünf Jahre wurden weltweit fast 10.000 Kinder unter 15 Jahren in Programmen von Ärzte ohne Grenzen auf antiretrovirale Therapie gesetzt. 4.000 von ihnen sind jünger als fünf Jahre.

Weitere Informationen: Pressestelle, Christiane Winje, 030 - 22 33 77 00; für Hintergrund und Interviews: Oliver Moldenhauer