Russische Föderation

Tuberkulose in Sibirien: Ärzte ohne Grenzen stoppt Behandlungsprogramm in Kemerovo - Gesundheitsministerium lehnt Therapie multiresistenter Tuberkulose ab

Moskau/Berlin, 30. September 2003. Nach sieben Jahren erfolgreicher Arbeit beendet die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen die TB-Behandlungsprogramme in den Gefängnissen und Gemeinden der Region Kemorovo in Sibirien. Nachdem das russische Gesundheitsministerium das von Ärzte ohne Grenzen geplante Projekt zur Behandlung multiresistenter TB abgelehnt hat, sieht sich die Organisation gezwungen, ihre Aktivitäten in Sibirien einzustellen.

Auf Anfrage der russischen Strafvollzugsbehörden hatte Ärzte ohne Grenzen im Jahr 1996 mit einem TB-Programm in den Gefängnissen der Region Kemerovo begonnen. Seit 2001 hat die Organisation auch TB-Patienten außerhalb der Gefängnisse therapiert. Bis Juli 2003 wurden mehr als 10.000 Patienten nach WHO-Richtlinien behandelt.

Die erneute Zurückweisung des Projektentwurfs wurde vom russischen Gesundheitsministerium damit begründet, dass die ausgedehnte Anwendung bestimmter Antibiotika, die für die Behandlung der multiresistenten TB unerlässlich sind, in Russland verboten sei. Ärzte ohne Grenzen war in der Folge aufgefordert worden, eine Behandlungsstrategie zu implementieren, die in völligem Widerspruch zu den Richtlinien der WHO steht. Auch ein Treffen auf höchster Ebene in Moskau Anfang September brachte keine Einigung mit dem Gesundheitsministerium.

"Nach jahrelangen Anstrengungen sind wir jetzt wieder beim Nullpunkt angekommen", sagte Nicolas Cantau, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen. "Wir sehen uns gezwungen, unsere Arbeit zu beenden, da die einzige Alternative gewesen wäre, unsere Patienten mit einer unwirksamen und unangemessenen Therapie zu behandeln. Angesichts des Ausmaßes des TB-Problems in Sibirien und unserer langjährigen Anstrengungen, diese Problem gemeinsam mit den russischen Behörden in den Griff zu bekommen, empfinden wir unsere Entscheidung als schmerzhafte Niederlage."

Das geplante Projekt von Ärzte ohne Grenzen richtete sich streng nach den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Im Frühjahr 2003 hatte das russische Gesundheitsministerium den Projektentwurf mit der Begründung abgelehnt, die vorgesehene Behandlung multiresistenter TB entspräche nicht den russischen Richtlinien. Daraufhin hatte Ärzte ohne Grenzen den Projektentwurf mit Hilfe der verantwortlichen russischen Behörden überarbeitet. Der neue Projektentwurf war vom Zentralen russischen TB-Forschungsinstitut (CTRI), der russischen Strafvollzugsbehör-de (GUIN) und dem TB-Institut von Nowosibirsk, genehmigt worden. Trotzdem lehnte das russische Gesundheitsministerium das Projekt im September 2003 erneut ab.

Weitere Informationen: Pressestelle, Kattrin Lempp, Tel.: 030-22 33 77 00