Pharmahersteller Abbott entscheidet willkürlich über Zugang zu unentbehrlichem HIV/Aids-Medikament

Bangkok/Berlin, 6. Juli 2006. Die Pharmafirma Abbott verweigert bedürftigen Patienten in ärmeren Ländern den Zugang zu einem neuen HIV/Aids-Medikament. Dies teilte die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen mit. Das US-Unternehmen hat zwar damit begonnen, die neue Formulierung des Medikaments Lopinavir/Ritonavir (Kaletra®) zu einem Preis von 500 US-Dollar pro Patient und Jahr für eine begrenzte Zahl von Projekten der Organisation in Afrika zu liefern. Abbott weigert sich jedoch, das Medikament zu diesem Preis auch für Programme in Thailand und Guatemala bereitzustellen. Darüber hinaus verzögert der Pharmahersteller den Registrierungs-prozess des ausschließlich von ihm hergestellten Medikaments in Entwicklungsländern.

Bislang hat Abbott die neue Formulierung nur in den USA und Europa registrieren lassen und in Südafrika einen entsprechenden Antrag gestellt. Ohne eine solche Registrierung ist das von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Medikament jedoch nicht erhältlich.

Indem Abbott den Preis von 500 US-Dollar pro Patient und Jahr auf die am wenigsten entwickelten Länder beschränkt, wählt die Firma vorsätzlich eine Preisstrategie, die Menschen mit HIV/Aids in Ländern wie Thailand von der Behandlung ausschließt. "Der Fall Kaletra ist ein klassisches Beispiel dafür, dass Monopole Patienten schaden," sagt Tido von Schön-Angerer von der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen - und fordert: "Wir brauchen auch für diese neuen unentbehrlichen Medikamente den Wettbewerb mit Nachahmerprodukten. Die Entscheidung, wer Zugang zu lebensrettender Medizin hat, sollte nicht einem Geschäftsführer in Chicago überlassen werden."

"Hier in Thailand, wo das Thermometer fast das ganze Jahr hindurch auf über 30 Grad klettert, wäre die hitzebeständige Formulierung ein enormer Vorteil", sagt David Wilson von Ärzte ohne Grenzen in Thailand. "Stattdessen lässt uns Abbott wissen, dass wir gut mit der alten Version auskommen könnten. Dieses Medikament ist jedoch allenfalls die zweitbeste Lösung, und darüber hinaus in Thailand unerschwinglich." Selbst die alte Formulierung von Lopinavir/Ritonavir kostet in Thailand derzeit mindestens 2.800 US-Dollar pro Patient und Jahr und damit das Zehnfache des Preises für die Medikamente der ersten Therapielinie.

Lopinavir/Ritonavir ist ein wichtiger Bestandteil der Aids-Behandlung, wenn sich Resistenzen gegen die Medikamente der so genannten ersten Therapielinie entwickeln und diese ihre Wirkung verlieren. Die neue Version hat entscheidende Vorteile gegenüber der alten: Die Pillen können ohne Kühlung gelagert und in geringerer Zahl und unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden.

Weitere Informationen: Pressestelle, Svenja Kühnel, Tel.: 030-22 33 77 00