Zentralafrikanische Republik

Muslimische Flüchtlinge berichten von Tausenden Gewaltopfern

Bangui/Berlin, 16. Juli 2014. Eine Befragung von Flüchtlingen aus der Zentralafrikanischen Republik deutet auf eine hohe Zahl von Todesopfern in der muslimischen Minderheit hin. Von Ärzte ohne Grenzen im Nachbarland Tschad befragte muslimische Familien berichteten, dass allein zwischen November 2013 und April dieses Jahres 2.599 ihrer nahen Verwandten ums Leben kamen. In diesem Zeitraum erreichte die Gewalt gegen die Muslime im Land ihren Höhepunkt. 32 Prozent der befragten Familien verloren demnach mindestens einen Angehörigen, 28 Prozent sogar zwei.

Der Bericht, den Ärzte ohne Grenzen am 16. Juli in Paris vorstellte, basiert auf Interviews mit 3.449 Flüchtlingsfamilien in der Stadt Sido im Süden des Tschad, die im März und April 2014 geführt wurden. Mehr als die Hälfte der befragten Familien stammt aus der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui.

Bei fast allen Opfern war nach Auskunft der Befragten direkte Gewalt die Todesursache: Mehr als 90 Prozent wurden durch Schusswaffen, Macheten, Granaten oder andere Gewalteinwirkung getötet. 85 Prozent starben, bevor die Fluchtwelle begann, 15 Prozent während der Flucht aus dem Land – vor allem bei Angriffen auf die Konvois. Unter den Todesopfern waren besonders viele Männer zwischen 33 und 44 Jahren – doch auch Frauen, Ältere und Kinder.

„Dieses schockierende Ausmaß der Gewalt bis April lässt aber nicht den Schluss zu, dass in der Zentralafrikanischen Republik das Schlimmste überstanden ist“, sagt Mego Terzian, Präsident von Ärzte ohne Grenzen in Frankreich. „Unsere Teams leisten weiterhin an vielen Orten im Land medizinische Hilfe, wo Tausende in Enklaven eingeschlossen sind und von internationalen Truppen beschützt werden – ohne jede Chance zur Flucht.“

In dem vorgestellten Bericht sind auch Zeugenaussagen einzelner Flüchtlinge gesammelt. Idriss (42), der vor seiner Flucht in der Stadt Paoua als Fahrer für Ärzte ohne Grenzen gearbeitet hatte, erzählte den Teams im Tschad im Februar 2014 beispielsweise: „Meine ganze Familie ist von den Anti-Balaka-Milizen getötet worden: meine Frau, meine vier Kinder, meine Mutter, mein Vater, mein Großvater, meine Großmutter… Alle sind tot. Nur meine jüngere Schwester und ich sind übriggeblieben. Man hat mir erzählt, dass sie sich an der Grenze zum Kongo befindet.“

In der Zentralafrikanischen Republik bekämpfen sich seit Monaten muslimische und christliche Gruppen: die Seleka-Rebellen und die Anti-Balaka-Milizen. Seit Ende des Jahres 2013 sind Hunderttausende Menschen vor der Gewalt geflohen und haben im Tschad und in Kamerun Zuflucht gesucht. Innerhalb weniger Monate verließen praktisch sämtliche Muslime den westlichen Teil des Landes. Ein Teil der Flüchtlinge wurde von der tschadischen Regierung per Militärkonvois evakuiert. Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1997 in der Zentralafrikanischen Republik. Mehr als 2.300 Mitarbeiter sind an mehr als 15 Standorten im Einsatz. Die Organisation leistet auch in den Flüchtlingslagern im Süden des Tschad und im Osten Kameruns Hilfe.

Weitere Informationen: Stefan Dold, 030 700 130 239, stefan.dold@berlin.msf.org