Mittel- und Südamerika: Zugang zu kostengünstigen Medikamenten bedroht

Berlin, 28. August 2003. Im Vorfeld des WTO-Treffens in Cancún warnt die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen davor, dass der Zugang zu kostengünstigen Medikamenten in lateinamerikanischen Ländern gefährdet ist. In einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht weist die Organisation auf US-amerikanische Versuche hin, den Patentschutz auf Medikamente im Rahmen der Verhandlungen zur gesamtamerikanischen Freihandelszone (FTAA) zu verschärfen. Mit einer Kampagne "Trading Away Health" ("Gesundheit ist nicht käuflich") ruft Ärzte ohne Grenzen die Regierungen der betroffenen Länder auf, sich dem Druck der USA zu widersetzen.

Die laufenden Verhandlungen haben zum Ziel, die größte Freihandelszone der Welt zu schaffen, die 34 Länder in Nord-, Mittel- und Südamerika sowie in der Karibik einschließt. Der bisherige Entwurf des FTAA-Abkommens sieht eine Verschärfung des Patentrechts vor, die eine massive Einschränkung des Zugangs zu kostengünstigen Medikamenten bedeutet.

In dem Bericht "Trading Away Health" verdeutlicht Ärzte ohne Grenzen, dass die vorgesehenen Maßnahmen weit über die Standards hinausgehen, die im TRIPS-Abkommen (1) der WTO festgelegt sind und die auf dem Ministertreffen der WTO in Doha im November 2001 ausdrücklich bekräftigt wurden. Die US-Regierung schlägt vor, innerhalb der FTAA das Patentrecht über die bisher erforderlichen 20 Jahre hinaus zu verlängern. Zudem will sie die Möglichkeiten, Zwangslizenzen zu vergeben, stark einschränken. Ärzte ohne Grenzen befürchtet, dass diese "TRIPS-Plus"-Bestimmungen katastrophale Folgen für das Leben von Millionen von Menschen, die von HIV/Aids oder anderen Krankheiten betroffen sind, haben werden. "An diesem Beispiel zeigt sich im Vorfeld der WTO-Verhandlungen in Cancún, wie die US-amerikanische Regierung durch bi- und mulitlaterale Abkommen versucht, bereits bestehende internationale Vereinbarungen zu unterlaufen", sagte Tobias Luppe von Ärzte ohne Grenzen.

Ärzte ohne Grenzen zufolge besteht das wirksamste Instrument, die Arzneimittelpreise in ärmeren Ländern zu senken, im Wettbewerb der Pharmaindustrie mit den Generikaherstellern. "Seit kurzer Zeit bemerken wir die Auswirkungen des Wettbewerbs unter den Pharmaherstellern, indem die Preise deutlich gesunken sind. Wenn sich jedoch innerhalb der FTAA jetzt strengere Vorschriften durchsetzen, wird der Wettbewerb blockiert, und die Preise werden unausweichlich in die Höhe schnellen", sagte Tobias Luppe.

"Die Menschen in Guatemala haben bereits heute kaum Zugang zu lebenswichtigen Arzneimitteln", erklärte Luis Villa, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Guatemala. 67.000 Menschen sind in diesem Land mit dem HI-Virus infiziert, nur 1.500 erhalten jedoch antiretrovirale Medikamente. Ein Drittel von ihnen wird von Ärzte ohne Grenzen mit kostengünstigen Nachahmerprodukten (Generika) behandelt. "Wenn die Möglichkeiten, Generika zu kaufen, weiter eingeschränkt werden, macht dies die Behandlung von HIV/Aids-Patienten in Zukunft fast unmöglich", so Villa.

(1) Im Abkommen zum Schutz geistigen Eigentums (TRIPS-Abkommen) der Welthandelsorganisation (WTO) sind Schutzmechanismen wie Zwangslizenzen vorgesehen, die den Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten ausdrücklich gewährleisten sollen.

Weitere Informationen: Ärzte ohne Grenzen, Pressestelle, Kattrin Lempp, Tel.: 030-22 33 77 00