Liberia

Liberia: Ärzte und Patienten verlassen letztes öffentliches Krankenhaus in Monrovia

Monrovia/Berlin 11. Juni 2003. Patienten und Personal mussten gestern nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen das letzte öffentliche Krankenhaus von Monrovia verlassen. Das Redemption-Krankenhaus, in dem Ärzte ohne Grenzen bis zuletzt tätig war, liegt derzeit genau an der Frontlinie der äußerst gewalttätigen Auseinandersetzungen in der Stadt. Vor der Evakuierung war es voll belegt mit Kriegsverletzten.

Die Gesundheitszentren können die Patienten jedoch nur ambulant behandeln. Natalie Civet, medizinische Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Monrovia befürchtet, dass die Lage sich in Kürze noch weiter verschlechtern wird: "Es gibt kein öffentliches Krankenhaus mehr, an das sich Zivilisten wenden können. Viele Menschen sind am Rande der Erschöpfung. Es besteht zudem die Gefahr, dass Epidemien ausbrechen. Cholera ist endemisch und erreicht ihren Höhepunkt in der Regenzeit, das heißt jetzt. Überfüllung, Nahrungsmangel, Mangel an sauberem Trinkwasser und fehlende Sanitäranlagen begünstigen eine schnelle Verbreitung der Krankheit. Wir haben außerdem erste Fälle von Masern im Gesundheitszentrum in Clara Town gehabt." Cholera und Masern gehören zu den Haupttodesursachen in Afrika.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt gemeinsam mit anderen Organisationen die Vertriebenen im Sportstadion. Oberste Priorität ist dort, die Wassernotversorgung aufzubauen. In anderen Teilen der Stadt arbeiten die meisten Gesundheitszentren von Ärzte ohne Grenzen unter schwierigen Bedingungen weiter. In Mamba Point, im Süden der Stadt, wird das Team von Ärzte ohne Grenzen ein weiteres Gesundheitszentrum für die Vertriebenen aufbauen.

In der Stadt sind Hunderttausende, möglicherweise sogar bis zu einer Million Menschen auf der Flucht. Viele sind seit Jahren aus ihren Heimatdörfern vertrieben und werden jetzt von den Kämpfen bis an die Küste südlich von Monrovia gedrängt. "Die Menschen kommen aus Lagern, in denen das letzte Mal vor Monaten Nahrungsmittel verteilt wurden. Sie sind nun erneut seit Tagen auf der Flucht, ohne etwas zu essen zu haben. Hier in der Stadt werden sie nicht einmal das bisschen Nahrung finden, das sie sonst in den Wäldern gesammelt haben", so Alain Kassa weiter. Einige Menschen fliehen jetzt aus Monrovia in Richtung Kakata, im Nordosten des Landes.

Alain Kassa, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen in Liberia, versuchte am Nachmittag, das Redemption-Krankenhaus zu erreichen. Er beschreibt eine zunehmend hoffnungslose Situation im nördlichen Teil der Stadt: "Leichen liegen in den Hauptstraßen, man kann den Tod an vielen Orten riechen." Das Team von Ärzte ohne Grenzen sah einige Patienten, die in Ambulanzen flohen, andere wurden von Personal oder Angehörigen getragen oder in Schubkarren transportiert.

Weitere Informationen: Ärzte ohne Grenzen, Pressestelle, Petra Meyer, Tel.: 030-22 33 77 00