Leere Versprechungen: Abbott macht neues HIV/Aids-Medikament nicht in ärmeren Ländern erhältlich

New York/Berlin, 27. April 2006. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ruft den Pharmakonzern Abbott auf, umgehend Schritte zu unternehmen, die neue hitzebeständige Version des Aids-Medikaments Lopinavir/Ritonavir (Kaletra®) außerhalb der USA zugänglich zu machen. Die neue Formulierung des Kombinations-präparats war bereits im Oktober 2005 von der dortigen Regulierungsbehörde zugelassen worden, doch der Konzern unternimmt nichts, um das dringend benötigte Mittel in ärmeren Ländern zu vermarkten. Darüber hinaus fordert Ärzte ohne Grenzen das Unternehmen auf, der Bestellung nachzukommen, die die Organisation am 15. März 2006 für die Behandlung von 400 Patienten in neun Ländern eingereicht hat.

Der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Proteaseinhibitor Lopinavir/Ritonavir ist ein wichtiger Bestandteil der Aids-Behandlung, wenn sich Resistenzen gegen die Medikamente der ersten Therapielinie entwickeln und diese somit ihre Wirkung verlieren. Da die neue Formulierung nicht gekühlt werden muss, ist sie geradezu ideal geeignet für Regionen, in denen Patienten meist keine Kühlmöglichkeiten besitzen.

Dieses Verhalten von internationalen Pharmakonzernen ist bekannt. Auf öffentlichen Druck hin werden spezielle Preise für ärmere Länder angeboten, doch die Firmen bemühen sich nicht um eine Zulassung in diesen Ländern, so dass der Preis im Grunde virtuell und die Ankündigung für die bedürftigen Patienten bedeutungslos bleibt. "Unsere Patienten brauchen keine leeren Versprechungen. Sie brauchen Medikamente, um leben zu können", sagte der Arzt Jens Wenkel von Ärzte ohne Grenzen in Nigeria.

Obwohl Abbott daraufhin angekündigt hat, das Medikament für 500 US-Dollar pro Patient und Jahr in Afrika und den am wenigsten entwickelten Ländern zu verkaufen, kann bisher noch kein Patient von diesem Preis profitieren. Denn die Firma hat - mit der Ausnahme von Südafrika - bis heute noch keinerlei Schritte unternommen, die neue Formulierung von Lopinavir/Ritonavir in den betroffenen Ländern zugänglich zu machen. Darüber hinaus hat Abbott noch keinen Preis für Länder mittleren Einkommens angekündigt.

Prominente Wissenschaftler, Ärzte, Geldgeber, Aids-Aktivisten und Politiker aus allen Teilen der Welt haben am 15. März einen offenen von Ärzte ohne Grenzen unterschrieben, in dem der Geschäftsführer von Abbott aufgefordert wurde, das hitzebeständige Lopinavir/Ritonavir schnellstmöglich in ärmeren Ländern verfügbar zu machen.

"In ressourcenschwachen Gebieten, in denen ein Kühlschrank einen Luxus darstellt, wird die neue Version Lopinavir/Ritonavir dringendst benötigt," sagte Rowan Gillies, internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen. "Wie kann es sein, dass Abbott die Zulassung dieses Mittels in ärmeren Ländern hinauszögert? Die Firma hält das Patent auf dieses Medikament und hat somit eine Monopolstellung inne, bis eine generische Version erhältlich ist. Bisher hat sie nicht einmal zugestimmt, der Bestellung für unsere 400 Patienten nachzukommen."

Ärzte ohne Grenzen behandelt derzeit 60.000 HIV/Aids-Patienten in 29 Ländern mit antiretroviralen Medikamenten.

Weitere Informationen: Pressestelle, Kattrin Lempp, Tel.: 030-22 33 77 00