Bosnien und Herzegowina

Konsequenzen aus dem Fall von Srebrenica: Der Schutz der Zivilbevölkerung muss ernst genommen werden

Berlin/Amsterdam, 10. April 2002. Das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation (NIOD) hat heute einen Bericht vorgelegt, der die Rolle des Einsatzes der holländischen Dutchbat-Soldaten1 in der bosnischen Enklave Srebrenica im Jahr 1995 untersucht. Ärzte ohne Grenzen war als einzige internationale Hilfsorganisation mit einem Team vor Ort, als am 11. Juli 1995 vor den Augen der internationalen Gemeinschaft und in Anwesenheit von 300 holländischen UNPROFOR-Soldaten die damalige bosnische Enklave Srebrenica von der bosnisch-serbischen Armee (BSA) brutal eingenommen wurde. Zehntausende Menschen wurden deportiert und mehr als 7.000 Männer wurden ermordet. Die Organisation fordert eine detaillierte Auseinandersetzung mit den Ergebnissen des Berichts und klare Aussagen darüber, wie in Zukunft der Schutz von bedrohten Zivilisten in Krisenzonen sichergestellt werden soll.

Ärzte ohne Grenzen ist bestürzt darüber, dass sieben Jahre nach dem Massenmord, der vor den Augen der UN stattfand, immer noch so wenig darüber bekannt ist, was wirklich in Srebrenica geschehen ist. Es ist die Aufgabe der NIOD-Untersuchung, einen entscheidenden Beitrag zur Klärung der noch offenen Fragen zu leisten. Ärzte ohne Grenzen ruft die holländische Regierung dazu auf, eine offene Debatte zu führen, die nicht durch persönliche oder politische Rücksichtnahmen behindert wird. Die Diskussion muss zu einer klaren Aussage darüber führen, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise die holländische Regierung in Zukunft bedrohte Zivilisten in Krisengebieten schützen wird.

Nach Ansicht von Ärzte ohne Grenzen darf die internationale Gemeinschaft dem Problem des Schutzes der Zivilbevölkerung nicht den Rücken kehren. Obwohl UN-Truppen anwesend waren, wurde in Srebrenica ein Massenmord an bosnischen Männern begangen. Damit es bei künftigen Einsätzen nicht mehr zu einer solchen Katastrophe kommen kann, ist eine sorgfältige Analyse der damaligen Umstände und der Fehler, die begangen wurden, dringend notwendig. Beides sind grundlegende Voraussetzungen dafür, dass Menschen in akuten Konfliktsituationen zukünftig angemessen geschützt werden können. Schließlich muss laut Ärzte ohne Grenzen verhindert werden, dass sich Menschen in Sicherheit wiegen, während sie in Wirklichkeit fliehen müssten.

1 Dutchbad war der Name des holländischen Bataillons, das im Rahmen des Mandats der Schutztruppe der Vereinten Nationen (UNPROFOR) die Aufgabe hatte, die bosnische Enklave zu schützen.

Weitere Informationen: Ärzte ohne Grenzen, Pressestelle, Petra Meyer, Kattrin Lempp, Tel.: 030 - 22 33 77 00