Inguschetien: Vertriebenenlager geschlossen Ärzte ohne Grenzen fordert Bleiberecht für Tschetschenen

Nazran/Berlin, 3. Oktober 2003. Das Vertriebenenlager Bela in Inguschetien, in dem ursprünglich rund 3.500 tschetschenische Vertriebene Zuflucht gesucht hatten, wurde am vergangenen Mittwoch von den inguschetischen Behörden geschlossen. Dies gab die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Moskau bekannt. Der Organisation zufolge betreiben die Behörden eine systematische Schließung der Vertriebenenlager in Inguschetien.

Laut Ärzte ohne Grenzen wurde der größte Teil der 168 Familien, die noch in Bela lebten, in den vergangenen Wochen im Lager Satsita in Zelten des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) untergebracht. Die Familien können in Inguschetien bleiben und müssen nicht nach Tschetschenien zurückkehren, wo Entführungen, Mord, Folter und so genannte "Säuberungsaktionen" des Militärs noch immer den Alltag der Menschen bestimmen. Leider ist unklar, wo sich die Familien, die das Lager vor September verlassen mussten, aufhalten. Diesen Familien wurde keine Alternative zur Rückkehr nach Tschetschenien angeboten.

Ärzte ohne Grenzen fordert die Behörden auf, allen Menschen, die die Lager verlassen müssen, alternative Unterbringungsmöglichkeiten in Inguschetien anzubieten. Alle Familien, die aus Angst um ihre Sicherheit nicht nach Tschetschenien zurückkehren können, sollen die Möglichkeit haben, in Inguschetien Unterkunft zu finden. Ärzte ohne Grenzen ist bereit, Notunterkünfte zu bauen, sobald die Mitarbeiter die bereits zugesagten Genehmigungen erhalten.

In der vergangenen Zeit war der Zutritt zu den Lagern für Mitarbeiter von Hilfsorganisationen stark eingeschränkt. Einlass wird nur noch mit Sonderbewilligungen gewährt. Offizielle Stellen begründen dies mit der unsicheren Lage und der Gefahr von Entführungen.

In der Nacht, bevor das Vertriebenenlager Bela geschlossen wurde, wurde laut Ärzte ohne Grenzen den Familien in den Sammelunterkünften von Logovaz und Oushkoz mit der Ausweisung gedroht. Am selben Tag führte das Militär eine "Säuberungsaktion" im Lager MTF-Karabulak außerhalb der inguschetischen Hauptstadt Nazran durch. Hundert Soldaten umzingelten das Lager. Der Organisation zufolge wurden zwei Männer verhaftet und bis spät in die Nacht festgehalten. Am nächsten Morgen erschienen rund 30 maskierte Männer und verhafteten einen weiteren Bewohner des Lagers.

Weitere Informationen: Ärzte ohne Grenzen, Pressestelle, Petra Meyer, Kattrin Lempp, Tel.: 030-22 33 77 00