Inguschetien: Tschetschenische Vertriebene erneut zur Rückkehr gezwungen - Internationale Gemeinschaft sieht tatenlos zu

Berlin, 8. August 2003. Auf die tschetschenischen Vertriebenen in Inguschetien wird weiterhin großer Druck ausgeübt, in ihre Heimat zurückzukehren. Eines der größten Vertriebenenlager Inguschetiens heißt Bella und liegt in der Stadt Sleptovskaia. Es wird zurzeit schrittweise geräumt. Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) zufolge ist die Zahl der Vertriebenen in Bella von Januar bis Ende Juli dieses Jahres von 3.200 auf 1.430 Menschen gesunken. Ärzte ohne Grenzen zählte dort heute nur noch 930 Menschen.

Angesichts der jüngsten Ereignisse und der zahlreichen Ankündigungen der Verantwortlichen, die Zeltlager in Inguschetien baldmöglichst zu räumen, appelliert Ärzte ohne Grenzen an die Behörden, die Grundrechte der Vertriebenen zu respektieren und die Menschen nicht zu einer Rückkehr zu zwingen. Ärzte ohne Grenzen fordert darüber hinaus ein Bleiberecht und Schutz für die tschetschenischen Vertriebenen sowie angemessene Unterbringung in Zeltlagern und Unterkünften. Zudem sollte das Verbot, neue Unterkünfte zu errichten, zurückgenommen werden.

Im Februar 2003 hatte Ärzte ohne Grenzen unter tschetschenischen Vertriebenen in Inguschetien eine Umfrage durchgeführt. Demnach wollten 90 Prozent der Vertriebenen nicht in ihre Heimat zurückkehren, weil sie dort um ihr Leben fürchteten. Trotzdem haben die russischen, inguschetischen und tschetschenischen Behörden in den vergangenen Monaten ihre Politik der Zwangsrückkehr weitergeführt.

Die insgesamt 180 Sammelunterkünfte waren kurz nach ihrer Fertigstellung im März 2003 von den inguschetischen Behörden für illegal erklärt worden, obwohl Ärzte ohne Grenzen alle zur Errichtung notwendigen Genehmigungen erhalten hatte. Familien, die dringend eine solche Unterbringung brauchten, durften diese nicht beziehen. Zudem stoppten die Behörden den ebenfalls genehmigten Bau von weiteren 1.020 Unterkünften.

Allein in den letzten drei Tagen wurden 200 Menschen durch die inguschetischen Behörden gezwungen, das Vertriebenenlager Bella zu verlassen. Die Betroffenen weigerten sich, nach Tschetschenien zurückzukehren und flüchteten stattdessen in 45 Unterkünfte, die Ärzte ohne Grenzen vor mehr als sechs Monaten errichtet hatte. Dies ist nur das jüngste Beispiel des permanenten psychologischen Drucks, der von den Behörden auf die Vertriebenen ausgeübt wird. Obwohl dieses Vorgehen völlig inakzeptabel ist, werden die Logistiker von Ärzte ohne Grenzen diese neu bewohnten Unterkünfte an die Gas- und Stromnetze anschließen.

Weitere Informationen: Ärzte ohne Grenzen, Pressestelle, Petra Meyer, Kattrin Lempp, Tel.: 030-22 33 77 00