Indien: Patente gefährden Zugang zu lebenswichtigen Aidsmedikamenten - Ärzte ohne Grenzen unterstützt Widerstand von Bürgerrechtsgruppen

Neu Delhi/Genf/Berlin, 10. Mai 2006. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen unterstützt indische Bürgerrechtsgruppen im Kampf gegen die Patentierung unentbehrlicher Aidsmedikamente. In dem führenden Herstellerland für erschwingliche Nachahmerpräparate (Generika) drohen erste Patente auf Aidspräparate. Diese würden die dortige Produktion von Generika künftig einschränken und den Zugang zu bezahlbaren Aidsmedikamenten weltweit erschweren. Am Dienstag legte das Indian Network for People Living with HIV/AIDS in Delhi Einspruch gegen den Patentantrag des Herstellers des Aidsmedikaments Tenofovir®) , Gilead Sciences, ein. Ende März hatte ein lokales Bündnis (1) bereits Einspruch gegen den Patentantrag des Herstellers von Combivir®) erhoben.

Tenofovir® (Tenofovir Disoproxil Fumarat - TDF) ist seit 2005 als Generikum in Indien erhältlich. Das Aidsmedikament hat weniger Nebenwirkungen als andere häufig benutzte Medikamente und eignet sich auch für die Behandlung von Patienten, die schon seit mehreren Jahren Therapie erhalten. Eine Patentierung würde die weitere generische Herstellung des Medikaments in Indien bis 2018 verhindern. Auch die generische Herstellung von Kombinationspräparaten, die Tenofovir® enthalten, würde unterbunden. Solche Kombinationspräparate machen die Einnahme der Medikamente deutlich einfacher und verbessern so die Behandlungsmöglichkeiten von HIV/Aids wesentlich.

"Dem Patentantrag von Gilead Science stattzugeben würde einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen", warnt Ellen ‘t Hoen von der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen. "Wenn die Herstellung von Tenofovir® und anderer essentieller Medikamente auf einen einzigen Hersteller begrenzt wird, verhindert man den Wettbewerb mit Generika und hält so die Preise hoch."

Die Verfügbarkeit von Tenofovir® in schwach entwickelten Gebieten ist bereits heute sehr begrenzt. Trotz der Bekanntgabe von Gilead Science, das Medikament mit Preisnachlass in 97 Entwicklungsländern anzubieten, hat der Arzneimittelhersteller es in diesen Ländern bisher nur zögerlich erhältlich gemacht. Im HIV/Aids-Programm von Ärzte ohne Grenzen in Khayelitsha, Südafrika, beispielsweise erhalten rund 4.000 Patienten lebensverlängernde antiretrovirale Medikamente. Weil nicht ausreichend Tenofovir® verfügbar ist, können derzeit jedoch nur 40 Patienten mit diesem Medikament behandelt werden. "Unser Projekt ist ein Beispiel dafür, was auch anderswo passieren wird", warnt Eric Goemaere von Ärzte ohne Grenzen in Südafrika. "Es ist klar, dass die Welt dringend mehr Quellen dieses lebenswichtigen Medikaments braucht."

Indien hat sein Patentrecht im vergangenen Jahr an die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) angepasst. Anfang März 2006 wurde als erstes ein Patent für ein Hepatitis-C-Medikament erlassen. Das Indian Network for People Living with HIV/AIDS argumentiert gegen den Antrag von Gilead Science, Tenofovir® sei keine Innovation, da es aus einem bereits bekannten Wirkstoff (Tenofovir Disoproxil) bestehe.

Weitere Informationen: Pressestelle, Svenja Kühnel, Kattrin Lempp, Tel.: 030-22 33 77 00