Angola

Hunderttausende dem Hungertod überlassen: Ärzte ohne Grenzen kritisiert unzureichende Reaktionen der angolanischen Regierung und der Vereinten Nationen

Luanda/Berlin, 11. Juni 2002. Nach Angaben der internationalen Organisation Ärzte ohne Grenzen sind Hunderttausende Angolaner vom Hungertod bedroht, wenn die angolanische Regierung und die Vereinten Nationen nicht unverzüglich massive Anstrengungen dagegen unternehmen. Auf einer Pressekonferenz am heutigen Dienstag in Luanda warf die Organisation der angolanischen Regierung, dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) und dem UN-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten (OCHA) vor, bislang viel zu langsam und unangemessen auf die humanitäre Notlage von mindestens 500.000 Angolanern reagiert zu haben. Seit dem Waffenstillstandsabkommen vom 4. April 2002 hat Ärzte ohne Grenzen Zugang zu Gebieten, die jahrelang von jeglicher Hilfe abgeschnitten waren. Tausende sind dort bereits an Hunger gestorben.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1983 in Angola. Die Teams betreuen derzeit rund 14.000 Menschen in 44 Ernährungszentren in 11 von 18 Provinzen des Landes. Derzeit sind rund 160 internationale und mehr als 2.000 nationale Mitarbeiter in Angola in tätig - mehr als in jedem anderen Land der Welt.

"Ein Masern - oder Ruhrausbruch würde für viele der bereits geschwächten und unterernährten Menschen den Tod bedeuten", sagte Rostrup. "Wenn die angolanischen Behörden, die UN-Institutionen, besonders das WFP, sowie die internationale Gemeinschaft der Geberländer nicht unverzüglich ihre Programme ausweiten, kann es sein, dass Hunderttausende an Hunger und Krankheiten sterben. Wir haben die angolanische Bevölkerung in der Vergangenheit nicht angemessen unterstützt, wir dürfen sie nicht nochmals im Stich lassen, wenn der Frieden uns jetzt die Möglichkeit gibt zu helfen."

In hohem Maße verantwortlich für die katastrophale Situation ist laut Ärzte ohne Grenzen die angolanische Regierung. Beide Kriegsparteien setzten während des Bürgerkriegs die Vertreibung von Tausenden von Menschen gezielt als Kriegsstrategie ein. Drei Jahre lang mussten die Menschen in vielen Gebieten ohne jegliche Hilfe von außen überleben. Während die Regierung gemäß dem Friedensabkommen inzwischen einige Nahrungsmittel für die ehemaligen UNITA-Rebellen und ihre Familien in den Demobilisierungslagern zur Verfügung stellt, gibt es nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen praktisch keine Unterstützung seitens der Regierung für die Zivilbevölkerung in den ehemaligen Bürgerkriegsgebieten. Die Arbeit der Hilfsorganisationen wird zudem durch schwierige Visa- und Zollprozeduren erschwert.

Laut Ärzte ohne Grenzen haben die UN-Organisationen die Dringlichkeit der Situation bislang nicht erkannt und an vielen Orten, an denen Ärzte ohne Grenzen arbeitet, immer noch keine allgemeine Nahrungsmittelverteilung gestartet. Darüber hinaus hat das WFP die Nahrungsmittelrationen für Vertriebene, denen bereits vor dem 4. April geholfen wurde, dramatisch gekürzt und so 335.000 Menschen ohne Hilfe sich selbst überlassen. Obwohl das Ausmaß der Katastrophe schon seit über einem Monat bekannt ist, hat das WFP in den neu zugänglichen Gebieten und den Demobilisierungslagern erst jetzt mit der Nahrungsmittelhilfe begonnen. Zudem haben die Vereinten Nationen die Geberländer nicht um mehr Geld für Angola gebeten, sondern zugelassen, dass die Situation in Angola als Teil der Hungersnot im südlichen Afrika behandelt wird - einer Situation, der völlig andere Ursachen zugrunde liegen und die andere Reaktionen verlangt.

"Jeden Tag kommen unsere Teams in neue, bisher unzugängliche Gebiete und finden dort alarmierende Unterernährungs- und Sterblichkeitsraten vor", sagte Morten Rostrup, Präsident des internationalen Rates von Ärzte ohne Grenzen. "Seit Anfang April teilen wir unsere Informationen den Vereinten Nationen, der angolanischen Regierung sowie anderen Hilfsorganisationen mit, doch die Reaktionen darauf waren bisher völlig unzureichend. Die Welt lässt es wissentlich zu, dass die angolanische Bevölkerung an Hunger stirbt."

Weitere Informationen: Ärzte ohne Grenzen, Pressestelle,
Petra Meyer, Kattrin Lempp, Tel.: 030-22 33 77 00