Humanitärer Helfer seit 19 Monaten entführt - Ärzte ohne Grenzen wirft russischen Behörden Untätigkeit und Desinteresse vor

Moskau/Berlin, 18. März 2004. 19 Monate nach der Entführung ihres Mitarbeiters Arjan Erkel wirft die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen den russischen Behörden Versagen bei der Lösung des Falles vor. Im vergangenen Mai hatte Präsident Putin zugesichert, dem Entführungsfall höchste Priorität einzuräumen. Dieses Versprechen hat die russische Regierung nicht eingelöst.

Ärzte ohne Grenzen macht die russischen Behörden verantwortlich für Arjan Erkels anhaltende Gefangenschaft. Russische und dagestanische Behörden behaupten zu wissen, wer für die Entführung verantwortlich ist, wo Arjan Erkel gefangen gehalten wird und wie seine Freilassung sichergestellt werden kann. Zudem zeigten die Bundes-behörden, dass sie direkten Kontakt zu den Entführern haben.

"Es ist klar, dass die russischen Behörden den Schlüssel zur Lösung des Falles und zur sicheren Freilassung Arjan Erkels haben", sagte Thomas Nierle, Programmleiter von Ärzte ohne Grenzen in Genf. "Wenn er noch nicht frei ist, dann deshalb, weil sie kein Interesse daran haben. Die Namen der Beteiligten wurden bereits in den russischen und internationalen Medien veröffentlicht. Die russischen Behörden haben diese Beschuldigungen bisher weder bestätigt noch dementiert", so Nierle. Die Art der Ermittlungen gibt Ärzte ohne Grenzen nur geringen Anlass, daran zu glauben, dass die russischen Behörden den Entführungsfall wirklich ernst nehmen. "Es scheint so, dass die Behörden eher an einer Vertuschung als an einer Lösung des Falls interessiert sind", sagte Nierle.

Die Entführung sowie die Ermittlungen waren von extremen Unstimmigkeiten begleitet: In der Nacht, in der Erkel entführt wurde, verfolgten ihn zwei Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes. Eigenen Angaben zufolge waren sie dabei, als Erkel entführt wurde. Die Organisation erhielt darüber hinaus eine Telefonrechnung von Erkels Mobiltelefon, mit dem im vergangenen Jahr mehr als 50 Mal telefoniert worden war. Die Ermittler verfolgten diese Spur nicht. Zudem waren die Untersuchungen sechs Monate lang eingestellt, ohne dass Ärzte ohne Grenzen darüber informiert war. Schließlich wurde der für die Ermittlungen Verantwortliche ohne offizielle Erklärung im Dezember 2003 verhaftet. Seit vergangenen Oktober hat Ärzte ohne Grenzen kein Lebenszeichen mehr erhalten, und die über Vermittler geführten Gespräche mit den Entführern kamen im Dezember 2003 zum Stillstand. Diese waren über den russischen Geheimdienst FSB zustande gekommen.

"Wir fordern die russischen Behörden auf, ihrer Verantwortung nachzukommen und die sofortige Freilassung von Arjan Erkel sicherzustellen", sagte Kenny Gluck, Programmleiter von Ärzte ohne Grenzen in Holland, der selbst 2001 in Tschetschenien entführt worden war. Zudem fordert Ärzte ohne Grenzen die internationale Gemeinschaft und insbesondere die holländische Regierung auf, gegenüber den russischen Behörden auf konkreten Ermittlungsergebnissen zu bestehen und sie für ihr mangelndes Engagement verantwortlich zu machen.

Weitere Informationen: Pressestelle, Petra Meyer, Kattrin Lempp, Tel.: 030-22 33 77 00