Uganda

Humanitäre Krise im Norden Ugandas: Ärzte ohne Grenzen ruft zu sofortiger Hilfe auf

Kampala / Berlin, 8. November 2004. Die von Gewalt geprägten Lebensumstände im Norden Ugandas und die unzureichende humanitäre Hilfe haben schwerwiegende Auswirkungen auf die Bevölkerung. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat die Sterblichkeitsraten im Norden des Landes untersucht und kommt zu alarmierenden Ergebnissen. Auch das Ausmaß der psychischen Traumatisierung der Menschen durch den jahrelangen Konflikt ist erschreckend hoch. Diese Resultate bestätigen die Einschätzung des UN-Vizegeneralsekretärs für humanitäre Angelegenheiten, Jan Egeland, der den Norden Ugandas jüngst zur größten vergessenen humanitären Krise weltweit erklärte.

Ärzte ohne Grenzen zufolge erfordert die humanitäre Krise im Norden Ugandas ein sofortiges Handeln der Hilfsorganisationen und der internationalen Gemeinschaft. Seit 18 Jahren leidet die Zivilbevölkerung im Norden Ugandas unter dem Konflikt zwischen der Rebellenorganisation Lord´s Resistance Army (LRA) und der Regierung. Brutale Angriffe, Folter und Entführungen von Kindern sind an der Tagesordnung. Mehr als 1,6 Millionen Menschen sind aus ihren Heimatdörfern geflohen und leben in Vertriebenenlagern oder "geschützten Dörfern".

Ärzte ohne Grenzen untersuchte im Oktober 2004 rückblickend die Sterblichkeitsrate in sechs Vertriebenenlager in den Distrikten Lira und Pader. Die Sterblichkeitsrate ist dort mit 2,8/10.000 am Tag dramatisch hoch. Nach international vereinbarten Standards spricht man bei einer Sterblichkeitsrate von 2/10.000 pro Tag davon, dass eine Krise außer Kontrolle geraten ist. Noch weitaus alarmierender ist die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahren. Sie liegt bei 5,4/10.000 am Tag und an einem der untersuchten Orte sogar bei 10,5/10.000 am Tag.

In Pader Stadt gaben zudem fast alle Befragten an, dass sie seit 2002 besonders traumatische Erfahrungen gemacht haben. 63 Prozent berichten davon, dass Familienmitglieder verschwanden oder entführt wurden. 58 Prozent erklärten, dass ein Familienmitglied infolge des Konflikts umgekommen ist. 79 Prozent haben Folterungen beobachtet, 40 Prozent haben miterlebt, wie ein Mensch getötet wurde. 62 Prozent der befragten Frauen geben an, sich mit Selbstmordgedanken zu tragen. Im Gesundheits-zentrum von Ärzte ohne Grenzen betreuten die Mitarbeiter zahlreiche Patienten, die einen Selbstmordversuch hinter sich hatten.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1986 in Uganda. 67 internationale und 510 nationale Mitarbeiter betreuen Hilfsprogramme in neun Distrikten des Landes.

Weitere Informationen: Pressestelle, Petra Meyer, Tel.: 030-22 33 77 00