Sudan

Humanitäre Katastrophe in Darfur/Sudan - Ärzte ohne Grenzen: Die Zahl der Opfer steigt ständig

London/Berlin, 26. Juli 2004. Obwohl die Region Darfur im Westen des Sudans immer mehr mediale und politische Aufmerksamkeit erhält, hat sich die verzweifelte Lage der Vertriebenen nicht verbessert. Dies erklärte der Präsident des internationalen Netzwerks von Ärzte ohne Grenzen, Rowan Gillies, nach seiner Rückkehr aus Darfur auf einer Pressekonferenz in London.

"Das Leid vor Ort ist unermesslich, doch die Hilfeleistungen sind weiterhin unzulänglich und die Gewalt hält an", sagte Rowan Gillies. Obwohl sich der Zugang zu dem Gebiet verbessert hat und mehr Organisationen und Helfer ankommen, fehlt immer noch das Nötigste. "Kaum jemand erhält die Unterstützung, die Zivilisten in Konflikten erhalten sollten", so Gillies. "In einigen Gebieten ist die Lage so katastrophal, dass die Gefahr besteht, dass viele Menschen sterben werden."

Besonders besorgt zeigte sich Gillies über die Nahrungsmittelsituation. Er erklärte, dass in einem großen Lager in El Geneina nur 35 Prozent der Vertriebenen eine Berechtigungskarte für UNO-Nahrungsmittel haben. "Und die letzte Verteilung war Ende Mai - das liegt sieben Wochen zurück", betonte er.

Die Nahrungsmittelverteilung in Darfur ist unzureichend und ungleich über die Region verteilt. Eine Studie zur Ernährungslage in vier Vertriebenenlagern im Mai und Juni 2004 ergab, dass 4.1 - 5.5 Prozent der Menschen schwer unterernährt sind. Ärzte ohne Grenzen ist überzeugt, dass selbst mit den kürzlich verbesserten Lieferungen des Welternährungsprogramms nur die Hälfte des Bedarfs an Lebensmitteln im Juli gedeckt werden kann. Kinder unter fünf Jahren sind ganz besonders von Unterernährung betroffen. Ärzte ohne Grenzen behandelt zurzeit 8.000 unterernährte Kinder in Darfur.

Die Sterblichkeitsrate liegt schon jetzt weit über dem Grenzwert, der eine Notsituation kennzeichnet. Es fehlt vor allem an Trinkwasser, Nahrungsmitteln, Unterkünften und Latrinen. Kinder sind besonders anfällig für Durchfallerkrankungen, eine der häufigsten Todesursachen.

Gleichzeitig wird anhaltend über Gewalt, Vergewaltigungen und Einschüchterungen gegenüber der Bevölkerung berichtet. "Ich habe Frauen behandelt, die vergewaltigt worden sind, und Jungen, die geschlagen wurden, als sie Feuerholz außerhalb der Lager gesammelt haben", sagte Rowan Gillies. "Wir sind zudem sehr besorgt über Berichte, dass die Vertriebenen aus den Lagern in ihre Dörfern zurückgebracht werden sollen. Dies kann nicht ohne die klare Zustimmung der Betroffenen selbst geschehen. Viele haben große Angst und wollen nicht zurückkehren".

Ärzte ohne Grenzen hilft den Opfern von Gewalt und Vertreibung in Darfur seit Dezember 2003. Zurzeit arbeiten etwa 150 internationale Mitarbeiter und 2000 nationale Mitarbeitern an 17 Orten in der Region Darfur.