HIV/Aids: Ärzte ohne Grenzen begrüßt erste Zwangslizenz in Thailand

Berlin, 29. November 2006. Thailand hat die Einführung der ersten staatlichen Zwangslizenz bekannt gegeben. Durch sie soll die Versorgung mit dem wichtigen HIV/Aids-Medikament Efavirenz verbessert werden. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen begrüßt diesen wichtigen Schritt und appelliert an die thailändische Regierung, solche Lizenzen auch für andere dringend notwendige Arzneimittel auszustellen.

Das von der Weltgesundheitsorganisation zur HIV/Aids-Behandlung empfohlene Medikament Efavirenz ist in Thailand derzeit patentrechtlich geschützt. Dies wirkt sich sowohl auf die Verfügbarkeit als auch auf die Preise negativ aus. Patentinhaber Merck verlangt in Thailand mit 41 US-Dollar im Monat fast doppelt so viel, wie der indische Generika-Hersteller für den selben Wirkstoff. Außerdem kam es bei Merck in der Vergangenheit wiederholt zu Lieferengpässen in Thailand.

"Der Merck-Vertrieb von Efavirenz war unzuverlässig und führte zu Behandlungsunterbrechungen", sagt David Wilson von Ärzte ohne Grenzen in Thailand. "So waren diverse Krankenhäuser gezwungen, eine suboptimale Therapie mit nur zwei Medikamenten statt der benötigten Dreifachtherapie anzuwenden."

Die bekannt gegebene Zwangslizenz bezieht sich sowohl auf Importe als auch auf die Medikamentenherstellung in Thailand selbst. Das Land baut derzeit über den staatlichen Pharmahersteller Government Pharmaceutical Organization eigene Produktionskapazitäten für Efavirenz auf. Die Herstellung wird voraussichtlich im nächsten Jahr beginnen. Bis dahin kann Thailand dank der Zwangslizenz Efavirenz zum halben Preis aus Indien importieren.

Schätzungen gehen davon aus, dass derzeit mindestens 12.000 Patienten in Thailand Efavirenz benötigen, wegen der hohen Kosten und Lieferschwierigkeiten jedoch eine deutlich geringere Zahl das Medikament auch wirklich erhält.

Die Generika-Herstellung ist ein Grundpfeiler des thailändischen HIV/Aids-Programms. Ehemals kostete die Standardbehandlung von HIV/Aids-Patienten in Thailand mehr als 924 US-Dollar pro Patient und Monat. 2002 begann Thailand mit der Produktion eines Generikums, wodurch die Behandlungskosten um das 18-Fache gesenkt werden konnten. Dadurch können die Patientenzahlen von ehemals 3.000 auf derzeit mehr als 85.000 erhöht werden.

"Mit seiner Lizenzentscheidung unterstreicht Thailand, dass das Leben der Patienten Vorrang vor den Patenten der Pharmahersteller haben muss", so Wilson. Diese Vorgehensweise sollte auch auf andere wichtige Medikamente ausgeweitet werden, die teuer und nicht ausreichend verfügbar sind. Das in Deutschland durch die Firma Abbott hergestellte Aids-Medikament Lopinavir/Ritonavir beispielsweise kostet derzeit mehr als 194 US-Dollar monatlich und ist damit für thailändische Verhältnisse viel zu teuer."

Weitere Informationen: Pressestelle, Svenja Kühnel, Tel.: 030-22 33 77 00