Griechenland

Report von Ärzte ohne Grenzen zeigt Ausmaß politisch verursachten Leids auf griechischen Inseln

Beispiel Samos: Etwa 2.000 Menschen sind heute im Aufnahmezentrum auf der griechischen Insel untergebracht, das eigentlich für etwa 650 ausgelegt ist. Die Geflüchteten leben dort unter verheerenden Bedingungen, inmitten von Müll und Ratten.

Ärzte ohne Grenzen veröffentlicht Bericht „Constructing crisis at Europe's Borders. The EU plan to intensify its dangerous hotspot approach on Greek islands“

Athen/Brüssel/Berlin, 10. Juni 2021. Ärzte ohne Grenzen zeigt im Report „Constructing Crisis at Europe’s Borders“ das Ausmaß des Leids auf den griechischen Inseln. Die Hilfsorganisation ruft die EU auf, ihre Politik des Einschließens und Abschreckens zu beenden, die die Gesundheit von Geflüchteten in den Flüchtlingslagern bedroht. „Das sind keine unbeabsichtigten Folgen”, sagt Reem Mussa, humanitäre Expertin und eine der Autorinnen des Berichts. „Seit mehr als fünf Jahren erzeugt die Politik der EU eine beispiellose Krise und enormes menschliches Leid.” Ärzte ohne Grenzen kritisiert insbesondere den aktuellen Plan, weitere Lager auf den Inseln zu errichten.

Ziel des EU-Modells der Lager an den Grenzen ist nicht nur, Asylanträge zu bearbeiten, sondern auch Migranten davon abzuhalten, in Europa Zuflucht zu suchen. Menschen, die auf der Flucht Gewalt und Not erlebt haben, sitzen unter entsetzlichen Bedingungen fest, ohne zu wissen, wie es für sie weitergeht. Lebensnotwendige Güter werden vorenthalten. Auf Samos etwa gab es über ein Jahr lang nicht einmal sauberes Trinkwasser. Ärzte ohne Grenzen musste die Menschen mit Tanklastern versorgen. Das System gefährdet Menschenleben und höhlt das Recht auf Asyl aus.

2019 und 2020 hat Ärzte ohne Grenzen in den psychologischen Kliniken auf Lesbos, Samos und Chios insgesamt 1.369 Patienten behandelt. Viele zeigten schwere Krankheitsbilder wie eine posttraumatische Belastungsstörung. 180 Menschen, davon zwei Drittel Kinder, mussten wegen Selbstverletzungen und Suizidversuchen behandelt werden. Das jüngste Kind war sechs Jahre alt.

Patienten berichten, wie sie unter der dauerhaften Belastung leiden, dem Leben unter schwersten Bedingungen, komplizierten Behördenvorgängen und Asylprozeduren, Unsicherheit, Gewalt, Trennung von Angehörigen und der mangelnden Gesundheitsversorgung. Ärzte ohne Grenzen muss in den Lagern teilweise die medizinische Grundversorgung übernehmen. Die EU und die griechische Regierung verschärfen die Krise noch weiter, indem sie neue Aufnahme- und Identifizierungszentren an abgelegenen Orten auf den griechischen Inseln planen. Eines wird bereits auf Samos gebaut und könnte noch in diesem Monat in Betrieb genommen werden.  

„Die EU behauptet, dass sie die Situation verbessern will, doch sie und die griechische Regierung geben Millionen Euro aus, um ihre Politik, die schon so viel Schaden angerichtet hat, noch weiter zu verschärfen”, sagt Iorgos Karagiannis, Landeskoordinator in Griechenland. „Das Lager Moria dient als Blaupause für das neue gefängnisähnliche Zentrum auf Samos. Dort sollen Menschen in Schiffscontainern festhalten werden, umgeben von Stacheldraht, mit kontrolliertem Ein- und Ausgang. Das kann man nicht als eine Verbesserung der Lebensbedingungen verkaufen. Stattdessen wird dieses Lager die psychische Gesundheit der Menschen weiter verschlechtern."

„Noch ist es nicht zu spät für Mitgefühl und gesunden Menschenverstand”, mahnt Reem Mussa. „Die EU und ihre Mitgliedsstaaten müssen sicherstellen, dass die Menschen, die in Europa ankommen, Zugang zu dringend benötigter Hilfe haben. Eine Umsiedlung für die Aufnahme und Integration in ganz Europa muss erleichtert werden."