Südsudan

Gewalt zwingt Mitarbeiter und Patienten von Ärzte ohne Grenzen zu Flucht aus Krankenhaus

Juba/Berlin,31. Januar 2014. Die anhaltende Gewalt im südsudanesischen Bundesstaat Unity hat tausende Menschen zur Flucht gezwungen. Aus dem Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in der Stadt Leer sind sämtliche Mitarbeiter und Patienten geflohen. Insgesamt haben die 240 südsudanesischen Mitarbeiter die Stadt aus Angst verlassen. Ein medizinisches Team aus 30 Mitarbeitern hat mehrere Dutzend der am schwersten Erkrankten aus dem Krankenhaus mitgenommen. Die anderen Patienten, die das Krankenhaus aus eigener Kraft verlassen konnten, sind ebenfalls geflohen.

„Trotz der unglaublich schwierigen Umstände haben unsere Mitarbeiter den Betrieb im Krankenhaus in Leer so lange wie möglich aufrecht erhalten“, berichtet Raphael Gorgeu, Landeskoordinator von Ärzte ohne Grenzen im Südsudan. „In den vergangenen drei Tagen wurde die Situation jedoch zu instabil und die einzige Möglichkeit zu weiterer medizinischer Hilfe bestand darin, die Patienten aus dem Krankenhaus zu bringen und mit der Bevölkerung zu flüchten.“

Bereits am 21. Januar waren zwölf internationale Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen wegen der sich rapide verschlechternden Sicherheitslage aus Leer evakuiert worden. Obwohl die meisten Bewohner Leers bereits geflohen waren, hatten sich viele der lokalen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen entschlossen, in der Stadt zu bleiben, um die lebensrettende medizinische Hilfe im Krankenhaus aufrecht zu erhalten. Ärzte ohne Grenzen ist extrem besorgt um die Sicherheit und das Wohlergehen dieser Mitarbeiter und der Patienten.

„In den vergangenen sechs Wochen haben unsere Teams im Südsudan unter extremen Bedingungen gearbeitet – wir waren dazu gezwungen, sie mehrmals zu evakuieren. Unsere Teams waren in Gebieten tätig, in denen gekämpft wird, und unsere Einrichtungen wurden geplündert“, so Gorgeu. „Das Krankenhaus in Leer war das einzige funktionierende Krankenhaus im Süden des Bundesstaates Unity. Da es nicht mehr sicher ist, in dieser Einrichtung zu arbeiten, sind mehr als 270.000 Menschen von der Gesundheitsversorgung abgeschnitten.“

Seit Ausbruch der Krise wurden zehntausende Menschen aus ihren Häusern im Süden des Bundesstaats Unity vertrieben. Dies betrifft auch die mehr als 10.000 Menschen, die durch Kämpfe in Bentiu vertrieben wurden und in Leer Zuflucht gesucht hatten. Sie wurden nun zum zweiten Mal vertrieben. Je länger die Menschen ohne ausreichend Nahrung, sauberes Wasser oder Notunterkünften unter freiem Himmel leben müssen, desto wahrscheinlicher sind Krankheitsausbrüche und Mangelernährung.

„Unsere Kollegen haben einen unglaublichen Einsatz gezeigt: Nur mit einfachem medizinischem Material ausgestattet, haben sie die Patienten weiter versorgt, Wunden verbunden, Krankheiten wie Malaria behandelt und sich so gut wie möglich um die Gesundheit der Menschen gekümmert“, erklärt Gorgeu. „Sie haben nur noch wenig medizinisches Material zur Verfügung – wenn die Vorräte aufgebraucht sind, wird sich die Situation für die Menschen weiter verschärfen.“

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 25 Jahren in Leer. Die Teams boten ambulante und stationäre medizinische Behandlungen für Kinder und Erwachsene an, führten chirurgische Eingriffe durch, begleiteten Geburten, behandelten HIV/Aids und Tuberkulose und betrieben eine Intensivstation. Die Teams sind bereit, nach Leer zurückzukehren, sobald es die Sicherheitslage erlaubt.

Ärzte ohne Grenzen appelliert an alle Konfliktparteien, die Neutralität medizinischer Einrichtungen zu respektieren und Hilfsorganisationen den Zugang zu Menschen in Not zu gewähren, damit sie allen Patienten  – ungeachtet ihrer Herkunft oder ethnischen Zugehörigkeit – eine medizinische Behandlung ermöglichen können.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet seit 1983 im Südsudan und betreibt derzeit 18 Projekte in neun von zehn Bundesstaaten. Darüber hinaus leisten Teams der Organisation medizinische und humanitäre Hilfe für Flüchtlinge in Uganda und Kenia und bald auch in Äthiopien. Derzeit arbeiten 278 internationale und 2.890 südsudanesische Mitarbeiter in den Projekten. Seit Ausbruch der Kämpfe haben sie etwa 72.000 Patienten behandelt, mehr als ein Drittel davon Kinder unter fünf Jahren. Mehr als 2.700 Patienten wurden stationär behandelt. Die Teams haben mehr als 1.250 Kriegsverletzte behandelt und 1.600 Geburten begleitet.