Gekentertes Flüchtlingsboot vor Libyen: Ärzte ohne Grenzen fordert bessere Seenotrettung im Mittelmeer

Mohamed (rechts im Bild) aus Palästina konnte seine 1-jährige Tochter Azeel gerade noch vor dem Ertrinken retten, als das Boot kenterte. Auch seine Frau Diana überlebte und wurde von unserem Team an Bord der "Dignity I" versorgt.

Berlin, 5. August 2015. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen fordert nach dem neuen Bootsunglück im Mittelmeer mehr Kapazitäten für die Seenotrettung. Bei dem Unglück vor der libyschen Küste kenterte am Mittwoch ein Holzboot mit etwa 600 Insassen. Zahlreiche Tote werden befürchtet. Das Rettungsschiff „Dignity I“ von Ärzte ohne Grenzen erreichte kurz nach dem Kentern des Flüchtlingsbootes den Unglücksort. Unser Video zeigt Ausschnitte aus dem Rettungseinsatz.

Ärzte ohne Grenzen hatte gegen 9 Uhr am Mittwochmorgen wegen des in Seenot befindlichen Bootes einen Anruf des Seenotrettungszentrums in Rom erhalten. Während der Fahrt zu dessen Standort wurde es jedoch durch das Zentrum zu einer Rettungsaktion für ein anderes Boot umgeleitet. Die Bergung der 94 Menschen auf diesem zweiten Boot war gegen 12.30 Uhr abgeschlossen. Daraufhin erhielt die „Dignity I“ einen weiteren Anruf vom Seenotrettungszentrum mit der Aufforderung, die Fahrt zum ursprünglich angepeilten Boot fortzusetzen. Als die „Dignity I“ dort ankam, war das Holzboot bereits gekentert. Ein irisches Schiff, das zuerst angekommen war, führte gerade eine Rettungsaktion für die im Wasser treibenden Menschen durch.

„Es war ein schrecklicher Anblick. Menschen klammerten sich verzweifelt an Rettungswesten, Boote und alles, was sie erreichen konnten, und kämpften um ihr Leben. Um sie herum waren andere dabei zu ertrinken, wiederum andere waren schon ertrunken“, sagt Juan Matías, Projektkoordinator von Ärzte ohne Grenzen auf der „Dignity I“. „Die Tatsache, dass wir zunächst zum Rettungseinsatz für dieses Boot gerufen wurden, kurze Zeit später aber dann zu einem anderen Boot geschickt wurden, zeigt, dass es noch immer viel zu wenig Ressourcen für Rettungseinsätze auf dem Mittelmeer gibt.“

Nach und nach trafen weitere Rettungsschiffe am Unglücksort vor der libyschen Küste ein. Das Team der „Dignity I“ versorgte zehn Menschen medizinisch. Fünf waren in einem so ernsten Zustand, dass sie per Helikopter evakuiert werden mussten. Auch die beiden anderen Rettungsschiffe von Ärzte ohne Grenzen – die "Bourbon Argos" und die „MY Phoenix“, die gemeinsam mit der Migrant Offshore Aid Station (MOAS) betrieben wird – waren an der Rettung beteiligt.

In diesem Jahr haben bereits mehr als 2.000 Menschen ihr Leben bei dem Versuch verloren, Europa über das Mittelmeer zu erreichen. Ärzte ohne Grenzen startete die Such- und Rettungsaktionen auf dem Mittelmeer im Mai und hat seitdem mehr als 10.000 Menschen gerettet.